„Hier ist Berlin, Voxhaus“ – so meldete sich am 29. Oktober 1923 erstmals der deutsche Rundfunk. Zu den Wenigen, die dessen Geburtsstunde mithören konnten, zählte der gebürtige Brandenburger Otto Deterling.
Schon frühzeitig widmete er seine Aufmerksamkeit diesem neuen Medium. Und so fühlte er sich als einer der Mitbegründer des hiesigen Arbeiter-Radio-Klubs (29. Oktober 1923) in dessen Domizil, der Gaststätte des „Schultheiß“ auf dem Molkenmarkt, bestens aufgehoben – wie gleichermaßen sein späterer Berufskollege Erwin Sumpf. Bot sich doch fortan Gelegenheit, einander auszutauschen und weitere handwerkliche Fähigkeiten anzueignen.

Übernahme des Schallplattengeschäfts in der Hauptstraße

Als gelernter Techniker war Deterling damals von allem fasziniert, was das Metier Rundfunk anbetraf. Da verwunderte es nicht, dass der junge Mann – aufgewachsen in der Neuendorfer Vorstadt – schließlich im Jahr 1934 die Gunst der Stunde nutzte und das bislang von „Schallplatten-Meier“ in der Hauptstraße – gegenüber der Einfahrt zum Packhof – betriebene Geschäft übernahm.
Es sollte als Radio- und Musikhaus, klein, aber fein, binnen kürzester Zeit einen guten Ruf erlangen. Dessen engagierter, inzwischen entsprechend qualifizierter Inhaber war alsbald sehr beliebt und geschätzt. Arbeit gab es zur Genüge, zumal bereits seit August 1933 mit dem Volksempfänger VE 301 – die sogenannte „Goebbelsschnauze“, bezeichnet nach dem Reichsminister für Propaganda – ein erschwingliches Mittel- und Langwellenradio für 76 Reichsmark unter die Massen kam.

Instrumente im Sortiment

In der Folge standen dem jungen Gewerbetreibenden zeitweilig ein bzw. zwei Mitstreiter zur Seite. Nahmen doch Reparaturen, Wartungsarbeiten inklusive Beratung, zudem auch für Marken-Radios wie Körting, Loewe, Grundig oder Telefunken (sogar mit Plattenschrank), einen großen Teil des Geschäftsablaufs ein.
Aber was wäre ein Radio- und Musikhaus ohne Instrumente?! Das Angebot wurde noch bis in die Kriegsjahre hinein neben einer bunten Palette von Schallplatten durch Hand- und Mundharmonikas, Flöten, ja, auch Geigen und Mandolinen bestimmt. Zudem fanden Musiker hier Saiten für ihre defekten Streich- oder Zupfinstrumente.

Capri-Fischer in Brandenburg

Ganz hoch im Kurs standen in jener Zeit dann Grammophone. Ermöglichten sie doch zu Hause neben dem Radioempfang auch „eigene Musik“.
Tochter Christel Deterling (heute Bynk) erinnert sich beispielsweise noch daran, dass sie dereinst als Schulmädel ihrem Vater mit Begeisterung zur Hand ging, ab und an auch mithalf, den Interessenten die Wahl aus der Vielfalt von Schellackplatten zu erleichtern. „Möchten Sie vielleicht die ‚Capri-Fischer’ vom Brandenburger Sänger Rudi Schuricke hören?“, so fragte sie dann gern jene, die sich nicht gleich entscheiden konnten.
Mit dieser 1943 erstmals gepressten Schallplatte – ODEON ihr Firmenname, der noch Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg von der zweiflügeligen Pendeltür des Radio- und Musikhauses prangte – gab es ab 1949 für den hiesigen Schlagerstar die größten Erfolge.

Herzlichkeit zur Kriegszeit

Aber zurück zu Otto Deterling. Er meisterte mit Geduld und Beharrlichkeit letztendlich die schwere Kriegs- und Nachkriegszeit, fehlte es doch in dieser Branche ebenfalls an fast allem. Viel musste improvisiert werden, zugleich versuchte der Rundfunkmechaniker möglichst überall zu helfen.
So verzichtete der Handwerker einmal sogar auf seinen Lohn, als eine betagte, offensichtlich wenig bemittelte Brandenburgerin in der Werkstatt die Reparatur ihres so lieb gewonnenen Volksempfängers nicht bezahlen konnte. Dabei war ein Radio damals gewissermaßen mehr als Gold wert. Besonders kam dem umtriebigen Deterling (aktiv u. a. im Rassegeflügel- sowie Kleingartenverein) zugute, dass er als einer der ganz wenigen nach dem verheerenden Weltenbrand noch im Besitz eines Autos war.

Servicetouren durchs Brandenburger Umland

Mit diesem Opel „Olymp“, angetrieben von Propan-/Butangas, ging es oftmals auch ins Brandenburger Umland. Wiederholt erfolgte nach erledigter Reparatur an den Radiogeräten – die meisten waren auf Befehl der Besatzer ohnehin längst requiriert – das Bezahlen in Form von Naturalien.
Tochter Christel Deterling (heute 86 Jahre alt), die den Papa wiederholt bei seinen Servicetouren übers Land begleitete, weiß das noch heute zu schätzen.  

Freundschaft mit Max Herm

Für jeden hatte Otto Deterling ein offenes Ohr, führte gern diesen und jenen Plausch mit ihm bekannten Bewohnern seiner Heimatstadt. So auch schon des Morgens, wenn er regelmäßig den Gehweg vor seinem Geschäft fegte oder im Winter dann Schnee räumte.
Gut befreundet war er u. a. mit dem zweimaligen Nachkriegs-Oberbürgermeister Max Herm und etlichen ehemaligen Sozialdemokraten. Gehörte er doch seit frühester Jugend der SPD, dem Metallarbeiterverband und auch dem Arbeiter-Radfahrverein an. In der technischen Nothilfe fand er ein weiteres Betätigungsfeld.

Kontakte sichern Existenz

Breiten Raum nahm indes über Jahre noch das Beschaffen von Ersatzteilen und dann auch Neugeräten sowie Schallplatten („Amiga“, „Eterna“) ein. So erwiesen sich persönliche Kontakte zu den bedeutendsten Herstellerfirmen geradezu als existenziell.
Denn die privaten Handwerksmeister waren notgedrungen zunächst noch geduldet, aber mit der letzten Enteignungswelle in der DDR (1972) wurde die Luft für sie noch dünner bzw. es kam für weitere von ihnen das Aus.
Dabei gab es durchaus Arbeit in Hülle und Fülle, und so hatte es sich als folgerichtig erwiesen, dass Otto Deterling seinen Sohn Erwin in der Firma zu einem unverzichtbaren Mitstreiter machte. Beide ergänzten sich bestens. Erforderten doch der UKW-Rundfunk (ab Mitte der 50er Jahre) sowie das Fernsehen als „Neuland“ zusätzliches Wissen und handwerkliches Können.

Lautsprecher spielte Radio Rias Berlin

Übrigens, in unserer Stadt empfahlen sich damals u. a. auch Radio-Maas (später Dittmann bzw. Lindau), Radio-Pax sowie die Firmen Butowski und Sumpf.    
Einmal kam der Rundfunkpionier Deterling in „Nöte“.  Aus heutiger Sicht einfach unfassbar, denn ein über dem Ladeneingang installierter Lautsprecher gab zur Straße hin Radio-Nachrichten wieder – aber von Rias Berlin, dem seitens der SED so gefürchteten und gehassten Rundfunk im amerikanischen Sektor. Nur gut, dass Passanten ihn sofort über diese „Fehlschaltung“ informierten, sodass er umgehend einen anderen Sender auf der Skala einstellte. „Horch und Kuck“ (die Staatssicherheit) jedenfalls hatte glücklicherweise nichts mitbekommen...

Jubiläum in der Lokalpresse

Indes fanden 1963 und 1964 sowohl die 40 Jahre deutscher Rundfunk als auch das eigene, 30-jährige Firmenjubiläum entsprechende Aufmerksamkeit, so in der Lokalpresse und mit einer vielbeachteten kleinen Ausstellung.
An das Radio- und Musikhaus Deterling, dessen Geschichte ein Jahrzehnt danach endete (der Inhaber verstarb 1972), erinnern heutzutage in der Wohnung seiner Tochter mehrere Alben mit vielen Fotos, Zeitungsartikel und sogar das Original-Firmenschild.
Übrigens, Christel Deterling-Bynk hält die familiären Traditionen, speziell in Sachen Musik, weiterhin hoch. Sie – einst auch aktive Karnevalistin – spielt zwar nicht mehr Akkordeon oder in einer Klubkapelle, dafür aber lässt sie täglich noch ihr geliebtes Keyboard erklingen.