In Erklärungsnöten für die am 13. August 1961 errichteten Grenzanlagen (siehe BRAWO vom 8. und 15. August) blieb die SED allemal. Da frohlockte Ulbricht in seiner endlosen Rede, „dass ein Anschlag auf den Frieden vereitelt wurde“. Und der Brandenburger FDJ-Chef Kanzok tönte: „Wenn du zu Hause einen Schatz im Schrank hast, verschließt du diesen. Reicht dir das nicht aus, legst du noch eine Kette rum. Und die haben wir um unsere Schätze gelegt...“.

DDR-Alltag: Kundenlisten für Butter

Zu diesen gehörten im realen DDR-Alltag sogar aber Kundenlisten für Butter (!), in die sich, so klagte die Lokalpresse, mehr eingetragen haben, als unsere Stadt gar Einwohner hat. „Nun ist es bekanntlich Pflicht der Vernünftigen, dass man Dummen und Gefräßigen etwas Bildung beibringt. Deshalb gibt es nun Kontrollen, ein Abschnitt der Kartoffelkarte wird dazu einbehalten“, lautete die frech-belehrende Unterweisung. Ja, es fehlte, wie ein Handelsvertreter bestätigte, unter anderem sogar an Knäckebrot. Er kam „wegen Sabotage und Panikmache“ ins Gefängnis. Herbe Kritik hatte Werkzeugschlosser Klaus W. für seine spontane Äußerung, „wir haben jetzt keine Freiheit mehr“, einstecken müssen. Derweil wurde Optimismus versprüht.

Schüler müssen Zustimmung zum Bau des „Schutzwalls“ bekunden

Da mussten selbst Pioniere der hiesigen Puschkin-OS per Brief an SED-Chef Ulbricht ihre Zustimmung zum Bau des „Schutzwalls“ bekunden. Nirgends aber war zu lesen, dass für diese Schandmauer Stacheldraht aus dem SWB und viele Fertigteile vom Betonwerk geliefert wurden. Geschweige denn etwa von Hundertschaften Brandenburger Kampfgruppen sowie mehreren NVA-Einheiten, die heimlich im Großraum Berlin Stellung bezogen hatten (wie auch die Sowjets), um – falls erforderlich – ohne Pardon gegen revoltierende, todesmutige Bürger vorzugehen.

Die Köpfe störfrei machen von den Westsendern

Unbekannt blieb die Zahl der seit 1961 zum Dienst an dieser Grenze verpflichteten Havelstädter. Dagegen weiß man, dass etliche das Risiko einer Flucht über die Sperranlagen wagten. Manche wurden aufgespürt, mussten ins Gefängnis. Unter den offiziell 138 Mauertoten in Berlin war indes kein Brandenburger.
Übrigens fiel in jene Augusttage 1961 auch die seltsame Forderung der SED-dominierten Stadtverordnetenversammlung, „nach den richtigen Maßnahmen zum Grenzschutz nun auch die Köpfe störfrei zu machen von den Westsendern.“ Die Partei-Presse ergänzte: „Diese falschen Wellen werden von uns stillgelegt, indem wir sie nicht einschalten.“

„Musik kennt keine Grenzen“

Aber der so gefürchtete RIAS aus Berlin erreichte fortan mit aktuellen Magazinen sowie der Grußsendung „Musik kennt keine Grenzen“ auch in Brandenburg noch wesentlich mehr Hörer. Davon konnte man bei den Ostberliner Stationen, die jene nach dem 13. August komponierten Spott- und Kampflieder geradezu zelebrierten, nur träumen. Nach Willen des späteren Staats- und Parteichefs Honecker hätte ja die Mauer noch 100 Jahre und länger stehen können. Am 9. November 1989 fiel dieses Monstrum während der friedlichen Revolution.