Die Staatsanwaltschaft wirft Artur K. vor, den Spiegel seiner Zelle zerbrochen und einen Teil an seiner Gehstütze befestigt zu haben. Mit dieser Art Lanze soll er versucht haben, Ärzte, Pfleger und die Polizei zu verletzen. Am Ende ergab er sich, weil er den Wirkungen des Reizgases nicht mehr standhalten konnte.
Dass K. überhaupt in der Psychiatrie landete, hat mit einer anderen Tat zu tun, die sich zehn Tage vorher ereignet hatte und die ebenfalls verhandelt wird. Sie hatte für wesentlich mehr Aufmerksamkeit gesorgt. K. soll dabei auf der Raststätte Michendorf Süd mit einer Waffe mehrere Polizisten bedroht und außerdem gedroht haben, sich und andere mit einem Sprengstoffgürtel in die Luft zu sprengen. Außerdem habe er einen Polizeihund verletzt, so die Staatsanwaltschaft.
Rund sechs Stunden lang war die Autobahn A 10 in der Nacht zum 15. Oktober 2019 gesperrt, ebenso die Raststätte. Der 23-Jährige Michendorfer ist auch wegen Bedrohung und versuchter Körperverletzung angeklagt, zu Prozessbeginn hat er die Taten weitgehend eingeräumt. Deutlich wurden dabei vor allem zwei Dinge: Die beiden täuschend echt aussehenden Waffen, mit denen er auf die Polizisten zielte, waren nicht echt. Und: Er wollte anderen nicht schaden, sondern selbst auf der Raststätte von der Polizei erschossen werden. Dazu hatte er bei Amazon ein dem Heckler-und-Koch-Sturmgewehr G36 zum Verwechseln ähnlich aussehendes Soft-Air-Gewehr beschafft. Eine Pistolenattrappe hatte er bereits vorher.
Auslöser dieser Idee war nach K.s Erzählung, dass er von der Krankenkasse eine Aufforderung bekommen hatte, Beiträge zu bezahlen. Seine Familie wollte dafür nicht aufkommen, er sollte als 23-Jähriger ja schon selbst Geld verdienen. K. habe dann keinen anderen Ausweg gesehen als den Selbstmord, um sich nicht mit dem Problem herumärgern zu müssen.
Die Polizisten taten dem mit einer Sturmhaube ausgestatteten, dunkel gekleideten Mann mit schwarz gefärbtem Gesicht den Gefallen nicht. Sie versuchten, die Lage statisch zu halten, sagte eine Polizistin aus – also dafür zu sorgen, dass keine anderen Menschen betroffen werden könnten. Sie war als eine der ersten Beamten am Einsatzort und sah sich mit der echt wirkenden Bedrohung konfrontiert. Etwa eine Stunde später war auch das Sondereinsatzkommando vor Ort.
Erst habe er mit dem SEK mittels einer Taschenlampe kommuniziert – einmal Licht heißt Ja, zweimal heißt Nein -, später habe man ihm aus einem Panzer ein Handy zugeworfen, sagte K. Zwei Stunden lang habe er sich dann mit einem Beamten unterhalten. Der Verhandler habe ihm versprochen, dass es keinen Strafprozess geben werde und er auch nicht ins Gefängnis müsse. Das habe er dem Beamten aber nicht geglaubt. Irgendwann gegen 4.00 Uhr in der Frühe, als er über eine Leitplanke klettern wollte, fielen wohl vier Schüsse. Drei trafen ihn im rechten Unterschenkel und in beiden Oberschenkeln.
Viermal wurde K. in Potsdam operiert – und kam wenige Tage später in die Psychiatrie in Brandenburg an der Havel. Dort fühlte er sich nicht nur falsch, sondern auch schnell schlecht behandelt. Am ersten Prozesstag nannte er die Vorstellung als Wolgadeutscher durch einen Arzt, der ihm einen russischem Akzent unterstellte – den K. nicht hat – oder die unzureichende Gabe von Schmerzmitteln für den recht frisch Operierten. In der Nacht sollte er ruhig sein, trotz starker Schmerzen. Außerdem sei er mit Menschen zusammen, die schreien, hämmern. So, wie diese sich verhalten, so verhalte er sich nicht. Außerdem hatte er Angst, dass sie ihn dort vollkommen verblöden werden. Das jedenfalls halte er kein halbes Jahr durch.
Daher versuchte er nach einer Nacht erneut, sich töten zu lassen. Auch dieses Mal misslang es. Inzwischen habe er einen Sinneswandel durchgemacht und sehe nicht nur die schlechten Seiten wie früher. Der Prozess am Landgericht dauert voraussichtlich bis 27. April. Bis dahin soll eine psychiatrische Gutachterin eingeschätzr haben, ob K. eventuell vermindert schuldfähig war.