Wie das Hexagramm an den Giebel des Westgiebels gelangte und was es dort zum Ausdruck bringen soll, ist auch Christian Radeke ein Rätsel. Er verweist auf zwei Kunsthistoriker, die sich darüber bereits den Kopf zerbrochen hätten, Ernst Badstübner und Carljürgen Gärtler. Die Herausgeber des 2006 erschienenen Buchs Der Dom zu Brandenburg an der Havel würden aber verschiedene Thesen vertreten, so Radeke. Demnach sieht Badstübner einen Zusammenhang mit den großen Symbolen an der mittelalterlichen Marktkirche in Hannover. An ihrem Turm sei ein Fünfzack (Drudenfuß) zu sehen. Dieser soll abschirmende Wirkung entfalten, das Böse bannen und abwenden. Weil dieses Pentagramm zusammen mit einem Hexagramm am Turm prangt, gänge Badstübner davon aus, dass der Sechsstern gleiche Wirkung entfalten soll - auch am Dom zu Brandenburg. Hingegen schreibe Gärtler das Hexagramm dem Bischof Bodecker (1384-1459) zu. Dieser sei des Hebräischen mächtig und den Juden gewogen gewesen. Der Sechsstern symbolisiere eine Form von interreligiösem Dialog. Denn die zwei ineinander geschobenen Dreiecke bilden auch den Davidstern, seit Jahrhunderten ein jüdisches Symbol.
In der Tat stammen Westgiebel und Hexagramm am Dom zu Brandenburg aus der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts, wie ein mehrfarbiges Modell des Gebäudekomplexes zeigt, das ebenfalls in der Ausstellung zu sehen ist. Der als Sohn eines Rathenower Fassbinders geborene Bodecker wurde 1415 bischöflicher Generalvikar und 1422 zum Oberhirten des Bistums geweiht. Allerdings fällt sein Wirken mit dem des unbekanntesten Vertreters des Hauses Hohenzollern zusammen. Dabei handelt es sich um einen Sohn des Landesherren. Im Jahr 1415 mit der Mark Brandenburg belehnt, ernannte Friedrich I. seinen ältesten Spross zum Statthalter des Fürstentums. Dieser Akt wurde am 13. Januar 1426 in Rathenow vollzogen. Elf Jahre dauerte die Dienstzeit, ehe der Statthalter genötigt wurde, auf die Rechte des Erstgeborenen zu verzichten. Der Mann ging als Johann der Alchemist (1406-1464) in die märkische Geschichte ein.
Sein Hang zur Grenzwissenschaft zwischen mystischen, okkultistischen, religiösen, magischen und naturkundlichen Elementen manifestiert sich in einer Kopie des Buches der Heiligen Dreifaltigkeit, das Johann in seinen Besitz brachte. Dabei handelt es sich um das bedeutendste deutschsprachige Werk der mittelalterlichen Alchemie. Das Original eines anonymen Autors entstand zwischen 1415 und 1419. Alchemisten waren verschwiegene Leute, sie forschten im Geheimen, und kommunizierten in Allegorien und einer komplexen Bildersprache. Im 700-seitigen Buch „Das hermetische Museum - Alchemie & Mystik“ (Benedict Taschen Verlag/1996) ist eine Vielzahl dieser Bilder zu sehen. Auch zahlreiche Hexagramme. Das Symbol steht in der Alchemie für die Vereinigung der vier Elemente Wasser, Luft, Feuer und Erde.Wer nach dem Motiv für den Sechsstern am Dom zu Brandenburg sucht, dürfte sich ein Bild besonders aufmerksam betrachten. Es zeigt vermutlich ein Gotteshaus mit Hexagramm am Giebel. Daneben steht: „Im Laub von Gärten dieser Art wächst für die, die es verdienen, eine goldene Krone (...) Weil die Tür verschlossen ist, kann niemand das Haus betreten, es sei denn, er habe den Schlüssel, während Gott die Sterne lenkt. (Hermetischer Philosophus oder Hauptschlüssel, Wien, 1709).“