Totgesagte leben länger. In der seit 2012 leerstehenden Kinderklinik des Brandenburger Klinikums geht es seit September 2020 wieder recht lebendig zu. Allerdings arbeiten sich vorerst nur Bautrupps durch die Räume der einstigen Intensivstation K3.  Eigentlich sollte der 1970 gebaute Viergeschosser längst vergeben sein. Eine Weiternutzung als Schwesternwohnheim oder Unterkunft für Bereitschaftsärzte war im Gespräch, jedoch der Abriss die wahrscheinlichste Option. „Zum Glück ist das Haus stehen geblieben und kann nun für Entlastung sorgen“, sagt Univ.-Prof. Dr. med. Stefan Lüth.

Bettenverlust durch Corona-Pandemie

Der Ärztliche Leiter des Zentrums für Innere Medizin II und Direktor der Klinik für Gastroenterologie, Diabetologie & Hepatologie hatte in den zurückliegenden Monaten auf viele Betten verzichten müssen, weil die Station 3.1.C zur Corona-Station unter Leitung von Dr. Till Bornscheuer erklärt wurde, zuzüglich Verdachtsstation. Dadurch seien 2 x 8 Zimmer verloren gegangen, die im normalen Stationsbetrieb 38 Betten beinhalten und im Coronafall zu Einzelbettzimmern wurden. „Das bedeutet, wir können unsere Patienten nicht wie gewohnt behandeln. Wir haben jetzt zwei Wochen Wartezeit, wir brauchen die komplette Station.“

Reaktivierung des stillgelegten Gebäudes

Doch weil Lüths Klinikbereich eben nicht nur auf die Behandlung von Diabetes und Tumoren sowie Magen-, Darm-, Leber- und Bauchspeicheldrüsenerkrankungen spezialisiert ist, sondern auch auf infektiologische Erkrankungen, landete der im Coronajahr ans Klinikum gegangene Versorgungsauftrag in Stefan Lüths Zentrum für Innere Medizin. Umso begeisterter war er, als im Sommer Klinikum-Bauleiterin Marita Lickert den Sonderauftrag bekam, die leerstehende Kinderklinik als „Station für infektiologische Diagnostik“ zu ertüchtigen. Im August plante sie, was seit September umgesetzt wird:  Weil vorerst eine Etage genügt, wird das erste Obergeschoss genutzt, in dem einst die Kinderintensivstation angesiedelt war. Die technische Ausstattung lasse sich am einfachsten weiternutzen, um beispielsweise Corona-Patienten beatmen zu können.

Aufwändiger Umbau

Dennoch ist der Aufwand beträchtlich: Die Türen müssen verbreitert und dadurch Kabel verlegt werden, anstelle der Waschtische kommt in jedes Zimmer eine Nasszelle. Gesperrt werden die Balkontüren, da die Balkone nicht mehr genutzt werden dürfen. Selbstredend sind alle Räume malermäßig instand zu setzen und neu zu möblieren. „Spätestens zum 31. Januar 2021 muss die Station bezugsfertig werden, besser schon zum Jahresende“, bekennt Marita Lickert. Zehn Einbettzimmer entstehen, plus ein Zimmer, das zu zweit belegt werden kann. Platz genug für Corona-Verdachtsfälle und bestätigte Fälle, aber auch für andere, wieder vielfältiger auftretende Infektionskrankheiten wie Syphilis, HIV oder Norovirus.

Sicherheit für alle Beteiligten

Lüth ist überzeugt: Durch die ausgegliederte Station gelinge es noch besser, Patienten mit hochinfektiösen Krankheiten sicher stationär aufzunehmen und anderen Patienten die Angst zu nehmen, sich zu infizieren. Tatsächlich hätten gerade die ersten Corona-Monate gezeigt, dass Patienten aus Angst vor Ansteckungsgefahren auf Behandlungen wie Darmspiegelung in der Klinik verzichtet haben. Keine gute Idee, findet Dr. Stefan Lüth, denn eine frühe Diagnostik kann lebensrettend sein. Hingegen ihm die Corona-Zahlen wenig Grund zur Sorge geben: Laut Lüth sind im Laufe des Jahres im Klinikum 50 Corona-Patienten behandelt worden, wovon zehn starben. „Doch sind die zehn nicht an Corona gestorben, sondern wegen schwerer Begleiterkrankungen wie Leberzirrhose oder Pilzinfektionen. Ich fürchte die Influenza jedenfalls mehr als Corona.“