Vor 500 Jahren entstand in einer Leipziger Werkstatt der Hochaltar, eines der bedeutendsten Altarbilder des frühen 16. Jh. in Mittel- und Ostdeutschland. 1518 wurde er von Abt Valentin für das Kloster Lehnin gestiftet. Das geht aus der Widmung auf dem Rahmen hervor, die in der für die Zeit typische Weise abgekürzt ist. Die in den eckigen Klammern stehenden Buchstaben sind in der Inschrift ausgelassen: Anno . d[o]m[ini] . 1518 . sub . D[omino] valentino Abbate (Im Jahre des Herrn 1518 unter dem Herrn Abt Valentin)
Im Mittelalter leistete man fromme Stiftungen, um für sein Seelenheil und von Verwandten vorzusorgen. Je mehr gute Werke man zu Lebzeiten leistete, desto weniger hatte man beim Jüngsten Gericht zu befürchten. Vor diesem Hintergrund ist auch der Altar des Abtes Valentin von Lehnin zu sehen
Unter Abt Valentin, der für den Brandenburger Kurfürsten wie auch für den Bischof von Brandenburg in diplomatischen Missionen unterwegs war, erlebte das Kloster seine letzte Blüte. Es verfügte damals über eine umfangreiche Ausstattung an liturgischer Kunst und eine stattliche Bibliothek. Nach der Auflösung des Klosters im Zuge der Reformation (1542) wurde die Ausstattung zerstreut. Der Altar gelangte kurzzeitig in die kurfürstliche Stiftskirche nach Berlin und wurde dann dem Brandenburger Dom überstellt. Der Hochaltar ist als einziger Altar des Doms fast unverändert erhalten geblieben und steht noch heute auf seinem ursprünglichen Platz, dem Hohen Chor.
Das zentrale Bild zeigt die Strahlenkranzmadonna in der Mitte flankiert von den beiden Aposteln Petrus und Paulus. Auf den Flügeln finden sich links Maria Magdalena mit dem Salbgefäß und Benedikt von Nursia in der Kutte der Benediktiner. Auf dem rechten Flügel erscheinen Bernhard von Clairvaux im weißen Gebetsgewand der Zisterzienser sowie die Heilige Ursula mit den Pfeilen.
Die Strahlenkranzmadonna geht auf die apokalyptische Frau zurück, die Johannes im 12. Kapitel seiner Offenbarung beschreibt: Ihm erscheint eine bekrönte Frau im Lichterkranz, die auf einem Mond steht und schwanger ist. Sie schreit im Geburtsschmerz und gebiert einen Sohn, der alle Welt weiden wird. Ein Drache erscheint, das Kind zu fressen. Schließlich unterliegt der Drache im Kampf mit dem Erzengel.
Schon in frühchristlicher Zeit haben die Theologen Deutung für die Apokalyptische Frau angeboten: Sie identifizierten sie mit Maria. Andere vermuteten aber die Personifikation der Kirche. Es wurden auch beide Sichtweisen miteinander vermengt und gerade bei den Zisterziensern Maria als Idealtyp der christlichen Kirche gedeutet. In der bildenden Kunst setzte sich die Darstellung der Strahlenkranzmadonna mit dem Kind auf dem Arm durch, wie sie auf unserem Altar zu sehen ist.
Vor Zeiten bat ich einen Kollegen, der dem Zisterzienserorden angehört, mir seine Sicht auf das Bild zu schildern. Ich gebe sie hier wider: Maria symbolisiert die christliche Kirche. Die beiden Apostel im Mittelschrein stehen für die Jünger Christi und somit ebenfalls für die Kirche als Gemeinschaft der Gläubigen. Die beiden Ordensleute sind die Theologen und Bekenner, die durch ihre Predigt die Botschaft Jesu Christi verbreiten. Die Märtyrerin Ursula ist für den Glauben gestorben. Schließlich erscheint mit Maria Magdalena die reuige Sünderin, die zum richtigen Weg gefunden hat.
Man kann sich fragen, warum ausgerechnet dieser Altar unverändert blieb. Es mag sein, dass auch die Protestanten, die ja kein Problem mit der Maria haben, keinen Anstoß an diesem Bild nahmen und es entsprechend der lutherischen Theologie verstanden. Denkbar wäre aber auch eine weitaus profanere Erklärung: Am Dom wusste man, wem man diese Retabel zu verdanken hatte. Und da man die Herrschenden, auf die man angewiesen war, nicht verärgern wollte, tastete man den Altar nicht an. Wir werden es nicht mehr herausfinden. Jeder Mensch darf sich nun die Erklärung aussuchen, die ihm am besten gefällt.

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