Sonderbare Reise des Matthias von Jagow: Von der Berliner „Puppenallee“ in den Brandenburger Dom

Die Siegesallee-Büste des Matthias von Jagow.
Domstiftsarchiv„Bis in die Puppen“ sagt man, wenn etwas schier nicht enden will. Auch diese Redewendung wurde einst vom berühmten Berlin-Humor geprägt. Mit „Puppen“ meinten die Reichshauptstädter die Siegesallee ihres Kaisers Wilhelm II., der im Tiergarten Statuengruppen der Brandenburgisch/Preußischen Herrscher hatte aufstellen lassen. Wer nun die Linden hinunter flanierte, das Brandenburger Tor und das Adlon hinter sich ließ, erreichte schließlich die „Puppenallee“. Er ging „bis in die Puppen“.
Jede der Herrscherpuppen war als Vollfigur ausgebildet. Links und rechts davon stand je eine Büste einer Persönlichkeit, die eine wichtige Rolle in der Regierungszeit des Herrschers gespielt hatte. Neben Kurfürst Joachim II., der als Reformator der Mark Brandenburg inszeniert wurde, stand Matthias von Jagow. Jagow, von 1527-1544 Bischof von Brandenburg, hatte ein deutliches Zeichen für die Reformation gesetzt, als er seinem Kurfürsten das Abendmahl in beiderlei Gestalt (Brot und Wein) reichte.
Der Schöpfer dieser Jagow-Büste im Tiergarten war Harro Magnussen, der in München studiert hatte und dann nach Berlin übergesiedelt war. Er fiel Kaiser Wilhelm II. auf und erhielt bemerkenswerte Aufträge. Aus seiner Hand stammt beispielsweise auch die Statue des Albrecht von Roon am Großen Stern.
Eine Replik von Magnussens Jagow-Büste wird heute im Dommuseum aufbewahrt. Der Künstler verehrte sie seinem Kaiser. Dieser wiederum schenkte sie weiter an den Berliner Polizeipräsidenten Traugott von Jagow, einem Nachfahr des Bischofs. Jagow vermachte sie schließlich seiner alten Schule, der Brandenburger Ritterakademie. Ob sie dort wirklich aufgestellt war, wissen wir nicht. So jedenfalls fand die Büste des berühmten Bischofs ihren Weg von der Puppenallee in das Dommuseum.
Die Büste zeigt einen kahlköpfigen Mann mit langem, üppigem Bart, der in einer Art Chormantel gekleidet ist – ein reines Phantasiegebilde, das nichts mit der liturgischen Kleidung des 16. Jh. zu tun hat. Der Stehkragen erinnert eher an Dracula-Kostüme früher Horrorfilme. Auch das Antlitz des Bischofs dürfte dem Ideenreichtum des Künstlers entstammen. Wie auch die gesamte Siegesallee steht Magnussens Jagow-Büste für die national-romantische Erinnerungskultur der wilheminischen Ära. Es ging damals um die Darstellung der gloriosen Tradition des Deutschen Reiches, an deren Ende der Kaiser steht. Man sieht dies auch schon um die Mitte des 19. Jh. bei Friedrich Wilhelm IV., der sich bewusst in eine Reihe mit den erfolgreichen frühen hohenzollernschen Kurfürsten stellte. Im Überschwang der Gründerzeit ging man sogar noch weiter: Was Kurfürst Friedrich I. begonnen hatte, kam unter Wilhelm I. zu Blüte und erstrahlte im Kaiserreich. Schon immer wurde Geschichte bemüht, um politische Ambitionen zu demonstrieren oder sogar konkrete Ansprüche zu legitimieren. Natürlich sind solche Sichtweisen äußerst kritisch, und im Regelfall überdauern sie nicht die Ära, die sie hervorgebracht hat. Mit der Puppenallee verhielt es sich nicht anders.
So ist diese Büste des Bischofs Matthias von Jagow ein schönes Beispiel für die Geschichtsbilder, die geformt werden und irgendwann überholt sind, wenn es eine neue Sicht auf die vergangenen Zeiten gibt. In diesem Zusammenhang zeigen wir diese Büste immer wieder, auch in der aktuellen, am 15. Mai eröffneten Sonderausstellung „Umdenken – Gedenkkultur am Dom zu Brandenburg“. Hier kann man sie in einer Transportkiste sehen. Man hat sie gerade eingepackt, um sie ins Depot zu bringen, weil sie ausgedient hat.