Der am 12. Februar 1777 auf der Brandenburger Dominsel geborene Baron Friedrich de la Motte Fouqué ist als Romantiker und Schöpfer der Novelle „Undine“ in die Literaturgeschichte eingegangen. Dass sich in seinem schriftstellerischen Lebenswerk aber auch ein besonders starker Hang zum biografischen findet, ist kaum mehr bekannt. Neben seinen autobiografischen Schriften verfasste er tatsächlich eine ganze Reihe kürzerer wie längerer Lebensdarstellungen und Biografien. Allen eigen ist Fouqués spürbar starke innere Anteilnahme am Leben und Werk der jeweils Portraitierten. Erst in den letzten Jahren sind einige dieser Arbeiten vom Olms-Verlag als Reprintausgaben wieder zugänglich gemacht worden. Darunter Fouqués Biografie des Heide-Dichters Samuel Christian Pape (1774-1817) und des Mystikers Jakob Böhme (1575-1624).

Lebensbeschreibung des königl. Preuß. Generals der Infanterie

Einen besonderen Stellenwert jedoch nimmt die Biografie über seinen Großvater Heinrich August Baron de la Motte Fouqué ein. In Nennhausen entstanden, veröffentlichte er die stattliche 508 Seiten umfassende „Lebensbeschreibung des königl. Preuß. Generals der Infanterie“ erstmals 1824. Dass er sie ausdrücklich Friedrich Wilhelm III., dem seinerzeitigen König von Preußen, widmet, ist kaum verwunderlich. Die Fouqués waren stets königstreu und wenn es überhaupt eines Beweises dafür bedurfte, dann war der Jugendfreund und seinem König Friedrich II. in den schlesischen Kriegen bis zur Selbstaufgabe getreue General all seinen Nachfahren gewiss so etwas wie das leuchtende Vorbild.

Ein großes Vorbild für den Enkel

Als nach Preußen geflohener Adeliger hugenottischen Glaubens war er auch der erste der einst in Frankreich reich begüterten Familie, der es in der neuen Heimat wieder zu Ruhm und Ehre und zu einem durchaus stattlichen Vermögen brachte. Nicht zuletzt auch darin sicher dem Enkel ein großes Vorbild, der seiner Natur nach aber wohl das Militärische an seinem Großvater mehr geschätzt hat.

Das Erbe seines Großvaters unbefleckt halten

Der Dichter ist dem als Domprobst schon 1774 verstorbenen und in der Brandenburger Johanniskirche beigesetzten nicht mehr selbst begegnet. Ihm verdankt er aber, dass Friedrich II. in der Reihe seiner Taufpaten erscheint. Verständlich, dass der Dichter das Erbe seines Großvaters in nichts befleckt sehen wollte. Gründe an ihm zu zweifeln gab es durchaus. Schon 1786 hatte Friedrich Freiherr von der Trenck (1727-1794) den scheinbar untadeligen Freund des großen Preußenkönigs ganz unverblümt als einen weltbekannten „Menschenfeind“ in seinen Memoiren betitelt, der sich schon als Hauptmann mit seinem Vater duelliert hätte und dabei von diesem sogar „blessiert“ worden sei.

Mehrfache Fluchtversuche aus der Haft

Dass der General dem Abenteurer Trenck mit gebührender Strenge begegnete, hatte der allerdings zuerst sich selbst zuzuschreiben. Als adeliger Gefangener auf der schlesischen Festung Glatz, dessen Kommandant der General damals war, hatte er sich nämlich solange nichts auszustehen, wie er keine Fluchtversuche unternahm. Gerade die aber unternahm der am 25. Juli 1794 in Paris guillotinierte Freiherr gleich mehrfach. Das konnte ihm der General gar nicht durchgehen lassen. Umso größer dürfte die Schmach für ihn gewesen sein, als der „Staatsgefangene“ bei seinem letzten Fluchtversuch 1746 schließlich doch noch gen Österreich entkam.

Verlierer im Dichterduell

Für den Autor Friedrich de la Motte Fouqué war Trenck auch mit der Feder ein ziemlich ernst zu nehmender Gegner. Ganz unabhängig von ihrem Wahrheitsgehalt waren Trencks Memoiren bei ihrem Erscheinen so etwas wie ein Bestseller. Als Beweis mag hier gelten, dass Casanovas Werke, als sie auf dem Buchmarkt erschienen, allen Ernstes als die eines „zweiten Trenck“ angepriesen wurden!  Eines jedenfalls muss man Trenck zugestehen - das schriftstellerische „Duell“ mit ihm ist Baron Friedrich de la Motte Fouqué zwar wacker angegangen, aber Fouqué hat es verloren!
Im Gegensatz zu den bis heute immer wieder aufgelegten und sogar verfilmten Memoiren Trencks, hat es weder die Biografie seines Großvaters noch sein eigenes Leben bisher zu üppigen Nachauflagen oder gar Verfilmungen gebracht. – Vielleicht wird´s ja noch. Wissen kann man das nie. Allerdings fehlt es den fouquéschen Schilderungen als Salz in der Suppe genau an jenen pikanten Details, die Trenck mit spitzer Feder gern – und heute kaum mehr nachprüfbar – einfach dazu erfunden hat.

Schuld am Tod des Schlosspredigers

Ganz anders sieht es da schon mit der höchst zweifelhaften Hinrichtung des Schlosspredigers und Kaplans Andreas Faulhaber in Glatz aus, die dem General Fouqué bis heute anlastet. Unter seinem straffen Regiment ist das Urteil schließlich vollstreckt worden. Ohne hier zu sehr ins Detail zu gehen, was die Strafe für den katholischen Priester, das Strafmaß selbst oder seine Herbeiführung und Ausführung angeht, als Statthalter Friedrichs II. hat der General – wie auch immer – daran mitgewirkt. Das ist nicht von der Hand zu weisen.

Ein Exempel am Geistlichen statuoert

Ein aufgegriffener, unglücklicher Deserteur hatte sich bei seiner Gefangennahme auf die Absolution berufen, die ihm Faulhaber schon vor seiner Flucht für das Vergehen im Beichtstuhl gegeben hatte. Dem Kaplan wurde daraufhin zur Last gelegt, von der Tat gewusst zu haben. Er wurde eingekerkert. Dass im preußisch besetzten, noch immer zu Österreich tendierenden, katholischen Glatz ein Exempel statuiert werden sollte, dürfte im weiteren Verlauf eine wichtige Rolle gespielt haben. Friedrich II. bestätigte schließlich das vom Tribunal in Glatz gefasste Urteil und der Kaplan wurde 1758 gehangen.

Partei für den General ergreifen

So wenig wie diese Tatsachen zu leugnen waren, ließen sich für Friedrich de la Motte Fouqué die daraus resultieren Vorwürfe entkräften. Doch das muss man ihm lassen - seiner selbstgesetzten Aufgabe, den General über alle Zweifel erhaben erscheinen zu lassen, entledigt er sich mit ausgesprochenem Geschick. Er wägt gekonnt ab, führt scheinbar alle Argumente und Gegenargumente ins Feld, ja ergänzt seine Ausführungen an dieser Stelle sogar mit fast noch einmal so langen Anmerkungen, mit denen er vorgibt auch jüngste Erkenntnisse in dieser Sache noch mit einzubeziehen. Dem staunenden Leser seiner Biografie blieb bei so viel „Objektivität“ gar nichts anderes übrig als die Partei des Generals zu ergreifen.

Ein preußischer Justizskandal

Für den Dichter war die Familienehre so wiederhergestellt. – Zunächst jedenfalls, denn erst einem Regionalhistoriker, der im Gegensatz zu Fouqué auf die lokalen Quellen zurückgriff, gelang es, postum die Unschuld Faulhabers nachzuweisen und das Ganze als das zu entlarven, was es gewesen ist - ein preußischer Justizskandal! Da seine Schrift aber erst 1885 publiziert worden ist, war sie dem schon am 23. Januar 1843 in Berlin verstorbenen Friedrich de la Motte Fouqué nicht mehr unter die Augen gekommen.

Lebensabend in der Brandenburger Domprobstei

Verdienstvoll an Fouqués Biografie aber bleibt gewiss, dass er in ihr auch ziemlich vollständig den wechselseitigen Briefwechsel des Generals mit seinem König wiedergibt, der vor allem aus seinen letzten Lebensjahren herrührt, die der – schwerhörig und an den Rollstuhl gefesselt - in der Brandenburger Domprobstei verlebte.