Zwillinge und doch ganz verschieden
Dario und Leticia sind Frühchen, kamen in der 28. Schwangerschaftswoche zur Welt. Während Dario sich hervorragend entwickelte, sogar als „Streberfrühchen“ galt, hing Leticia in ihrer Entwicklung hinterher. Besonders ihre Schluckstörungen bereiteten Sorgen. Der Säugling nahm kaum an Gewicht zu und jedes Verschlucken konnte tödlich enden. Während Dario planmäßig nach Hause durfte, musste Leticia deutlich länger in der Klinik bleiben.
Die 34-jährige Mutter, Sabrina J., fühlte sich schon bald hin und her gerissen. Das eine Kind zu Hause, das andere im Krankenhaus. Sie sehnte die Entlassung ihrer Tochter herbei und fürchtete sich gleichermaßen vor diesem Tag. Denn eines stand da bereits fest. Leticia würde mit Sauerstoffgerät und Monitor ins Kinderzimmer einziehen. In der Klinik, wo immer jemand vor Ort ist, fühlte Sabrina J. sich und ihr Kind gut aufgehoben. Aber wie würde es daheim weitergehen?
Wenn das Kinderzimmer zur Intensivstation wird
Eine Situation, die Eltern an die Grenzen bringt. „Ich hatte in der Klinik an einer Puppe geübt“, sagt Sabrina J. und man ahnt, es ist nicht dasselbe. Ebenfalls in der Klinik, im Spandauer Waldkrankenhaus, lernte sie Martina Gottschalk kennen. Gottschalk arbeitet für den Verein Traglinge, ist in der Klinik gut vernetzt und bietet dort betroffenen Eltern die Unterstützung des Vereins an, der wie ein Medikament vom Arzt verschrieben werden muss. Eine Leistung, die manche Eltern annehmen wollen.
„Die Leute sehen viel in der Klinik, auch andere Schicksale. Viele wollen dann einfach nur noch in Ruhe Familie sein und keine Fremden mehr um sich herum haben“, weiß die Krankenschwester Gottschalk aus Erfahrung. Ihr gegenüber sitzt Sabrina J. und nickt. „Wir haben zunächst auch gedacht, wir schaffen das allein. Ich bin froh, dass wir uns dann doch für die Traglinge entschieden haben. Ohne deren Hilfe hätten wir das alles niemals geschafft.“
Der Horror des ersten Abends
Gleich am ersten Abend, als Leticia nach Hause durfte, passierte es. Das Kind verschluckt sich, der Monitor schrillt, Leticia atmet nicht mehr. Vater Christoph beginnt mit der Herzdruckmassage. „Ich stand wie erstarrt daneben“, erinnert sich Sabrina J. „Irgendwann konnte ich mich rühren und die Feuerwehr rufen. Es war eine Horrorsituation“, sagt sie. Die gut ausging.
Sauerstoff und Monitor kommen immer noch jede Nacht zum Einsatz. Den Ernstfall, niemand kann ihn voraussehen, doch mithilfe der Traglinge lernte Sabrina J. damit umzugehen. Checklisten und Notfallpläne wurden gemeinsam erstellt. „Wir wollen die Familien stärken, Hilfe zur Selbsthilfe geben“, sagt Gottschalk. Erst kürzlich hatte Leticia einen Fieberkrampf. Die Sorge blieb, doch die Panik hatte Sabrina J. im Griff und rief die Feuerwehr.
Die Lücke erkannt und gefüllt
Auch Katja Mahn ist Mutter eines Frühchens. Auch sie hatte die Sorge, wie wird das zu Hause? Gemeinsam mit der Krankenschwester Christina Hartmann gründete sie zur Betreuung von Familien in dieser und ähnlicher Situationen die „Traglinge“. Das war 2009. Seitdem haben die Traglinge über 750 Familien in Berlin und Brandenburg betreut. Neben den von den Krankenkassen bezahlten Leistungen, die alle mit professionellen Kräften ausgeführt werden, gibt es auch ehrenamtliche Angebote, wie die Geschwisterversorgung.
Die Wege durch den Behördendschungel, auch hier helfen die Traglinge. „Ich habe nicht gewusst, dass auch Kinder einen Pflegegrad bekommen können“, sagt Sabrina J. Die Traglinge unterstützten, Leticia hat den Pflegegrad vier. „Selbst einen Behindertenparkplatz haben wir jetzt“, sagt Sabrina J. weiter. Sie selbst geht wieder ein paar Stunden die Woche arbeiten. Christoph J. geht zusätzlich zum Beruf einem 400 Euro Job nach. Leticia geht seit kurzer Zeit für einige Stunden in den Kindergarten. „Ich bin sehr froh, dass es die Traglinge gibt“, sagt Sabrina J.
Weitere Informationen zum Verein und seiner Arbeit gibt es auf www.traglinge-ev.de.