Ruth Weiss ist eine ganz besondere Frau. 1924 als Ruth Loewenthal in Fürth geboren, ist sie eine der letzten lebenden Zeitzeuginnen des Holocaust und der Apartheid. In der vergangenen Woche war sie in Brandenburg an der Havel zu Gast und sprach im Garten des Hauses der Kinder, Jugend und Familie mit Schülern der Otto-Tschirch-Oberschule über ihr Leben in Nazideutschland und Südafrika.

Bildungsministerin beeindruckt

Auch Brandenburgs Bildungsministerin Britta Ernst hatte es sich nicht nehmen lassen, dabei zu sein und sagte anschließend: „Ich bin von Ruth Weiß‘ Mut tief beeindruckt. Sie hat sich nie unterkriegen lassen und ein Leben lang gegen Rassismus, Diskriminierung und Ausgrenzung gekämpft.“
In ihrer Schulzeit habe sie ein solches Zeitzeugengespräch nie erleben dürfen, deshalb wollte sie unbedingt dabei sein.

Das Ende einer unbeschwerten Kindheit

Was sie und die Schüler in gut 100 Minuten zu hören bekommen, ist der außergewöhnliche Lebensweg der heute 96 Jahre alten Frau. Ruth Weiss war neun Jahre alt, als die Nationalsozialisten 1933 in Deutschland an die Macht kommen.
Ihre bis dahin unbeschwerte Kindheit in einem kleinen Dorf nahe Fürth ist damit vorbei. Als Juden werden sie und ihre Familie antisemitisch diskriminiert, sie selbst wird in der schule ausgegrenzt, ihre Schwester Sara, bis dahin der Schwarm aller Jungen, wird mit Mist beworfen.
Ihr Vater, der in der Spielwarenbranche tätig war, verlor schnell seinen Job und ging bereits 1933 mit Hilfe von Verwandten nach Südafrika. Ruth, ihre Schwester und ihre Mutter bleiben noch bis 1936 in Deutschland, dann holt der Vater sie nach.

Exil in Südafrika

Auf einem Frachtschiff treten sie die Reise auf den neuen Kontinent an und kommen erstmals mit Afrikanern in Kontakt. „Es war eine wunderschöne Reise, wir lernten Afrikaner und ihre Kultur kennen und wurden wieder wie Menschen behandelt“, erinnert sich Ruth Weiss.
Der Schock kam bei der Ankunft in Kapstadt: Dort gab es kaum Afrikaner. Schnell  musste das junge Mädchen erkennen: In der neuen Heimat war nicht entscheidend, welches Blut in den Adern floss, sondern welche Hautfarbe der Mensch hat.
Die „Weißen“ waren die „Herren“, die „Schwarzen“ galten als „Wilde“.

Kampf gegen Ausgrenzung

Geprägt durch ihre Erfahrungen im judenfeindlichen Deutschland nahm Ruth Weiss von Johannesburg aus schon als junge Frau den Kampf gegen die Ausgrenzung von Menschen durch die Apartheid auf und wurde zu einer der wichtigsten afrikanischen Stimmen gegen Rassismus, Frauenfeindlichkeit und Antisemitismus. 
Nach der Tätigkeit in einem Anwaltsbüro, bei einer Versicherung und einem Verlag, begann sie 1954 für verschiedene internationale Zeitungen und Zeitschriften als Auslandskorrespondentin gegen die Apartheid zu schreiben.

Bewegtes Leben

In Südafrika wurde sie daraufhin offiziell zur persona non grata erklärt und erst 1991 von dieser „Schwarzen Liste“ gestrichen.
Sie erhielt ein Einreiseverbot, arbeitete fortan in Südrhodesien, begleitete dessen Weg in den unabhängigen Staat Simbabwe und lebte dann einige Zeit auf der Isle of Wight in England.
1990, gleich nach der Entlassung von Nelson Mandela, den sie 1960 kennenlernt und zu dem sie engen Kontakt hat, aus dem Gefängnis, kehrt sie nach Südafrika zurück. Heute lebt Ruth Weiss bei ihrem Sohn Sascha in Dänemark.

Einsatz bis ins hohe Alter

Dass sie auch heute noch unterwegs ist, um jungen Menschen aus ihrem Leben zu berichten, liegt an Ereignissen wie in Halle und Hanau. Deshalb, so sagt sie, muss sie weiterhin etwas tun gegen Ausgrenzung und Rassismus. Ihr Rat an die Schüler: „Schreitet ein, wenn ihr seht, dass jemand gedemütigt und ausgegrenzt wird. Werdet nicht zu Mitläufern, die nichts dagegen tun, die sind nur schwer zu ertragen!“