Die Koffer und Umzugskartons sind längst ausgepackt. Am 1. November trat Anja Giese, die neue Pfarrerin der Kirchengemeinde Finow, ihren Dienst an. Stück für Stück, sagt die 41-Jährige, komme sie in der Gemeinde an. Wenn sie in der Friedenskirche stehe, habe sie bereits das Gefühl, zuhause zu sein. Sich wohlzufühlen. Im Gotteshaus spüre sie es zuerst. Ihre Entscheidung, von der Lausitz in den Barnim zu wechseln, sei richtig.
Dabei war der Neuanfang keineswegs leicht. Im aktuellen Gemeindebrief beschreibt es Anja Giese so: "Die Wochen nach meiner Wahl als neue Pfarrerin dieser Gemeinde waren nicht einfach, weder für Sie als Gemeinde noch für mich." Mit denkbar knapper Mehrheit hatte sich der Gemeindekirchenrat im Sommer für Giese ausgesprochen. Die gebürtige Mecklenburgerin hatte sich damit gegen einen Mitbewerber durchgesetzt. Einen Mitbewerber, den die Gemeinde eigentlich favorisiert hatte. "Die Gemeinde hatte sich nämlich eine Pfarrersfamilie gewünscht."
Gleichwohl: Die ledige Anja Giese nahm die Herausforderung an. Davon überzeugt, sich einen Traum erfüllen zu können: "eine Kleinstadtgemeinde in der Nähe von Berlin". Gerade deshalb hatte sie sich nach dem Entsendungsdienst in der Lausitz auch um die Pfarrstelle in Finow beworben. Finow ist ihre erste frei gewählte Pfarrstelle. Die 1800 Mitglieder zählende Kirchengemeinde und der Stadtteil haben ihr auf Anhieb gefallen. "Beschaulich und gleichzeitig doch sehr lebendig", so beschreibt sie ihren Eindruck.
Und eben nicht weit von Berlin entfernt, wo sie viele Freunde und einen Teil der Familie hat. Sie sei einfach ein Stadtmensch, fügt sie erklärend hinzu. Aufgewachsen in Rostock, dort auch Theologie studiert. Später als Jugendreferentin im Kirchenkreis Neukölln in Berlin tätig. Soziale Kontakte, die bis heute Bestand haben.
Klar, Eberswalder Würstchen, die Schorfheide, die Försterausbildung - davon hatte sie schon vorher gehört. Jetzt lerne sie dies alles praktisch kennen. Und noch viel mehr. Etwa die zahlreichen und vielfältigen kulturellen Angebote der Stadt Eberswalde. Auch wenn im Moment die Zeit noch etwas knapp ist. Und sich das Kennenlernen auf das Pfarramt und die Kirchengemeinde konzentriert. Ihre wichtigste Aufgabe sehe sie im weiteren Gemeindeaufbau. Sie wolle die Kirche vor allem für junge Menschen und für Familien attraktiver machen. "Gemeinsam mit der Katechetin habe ich im Advent einen Familiennachmittag organisiert. Der wurde sehr gut angenommen." Eine Resonanz, die ihr Mut macht. Die gleichzeitig Motivation ist. Künftig, so ihre Vorstellung, soll es regelmäßig Familiengottesdienste geben. Für den Sommer sei ein Tauferinnerungsgottesdienst geplant, wirft sie einen Blick voraus. Zu diesem Auftrag gehöre auch die verstärkte Arbeit mit und in der Kita "Arche Noah" im Brandenburgischen Viertel, deren Träger die evangelische Kirchengemeinde Finow ist. Diese Einrichtung sei mit 160 Plätzen immerhin die größte Kita innerhalb der Evangelischen Landeskirche Berlin-Brandenburg-Schlesische Oberlausitz. Und die "Arche Noah" sei eine Einrichtung, in der bereits einige Flüchtlingskinder betreut werden.
Auch das sei eine Herausforderung, die Arbeit mit den Asylbewerbern, mit Migranten. Gerade im Brandenburgischen Viertel. Viele Flüchtlinge seien zwar Muslime, doch die meisten seien dem christlichen Glauben gegenüber offen. "Zur Christvesper konnte ich schon Flüchtlinge begrüßen. Das hat mich sehr gefreut", so die Pastorin.
Im Gemeindebrief beendet Anja Giese, die gern Strittmatter liest und inlineskatet, ihre Vorstellung mit einem Zitat von Lao-Tse: Wenn der Wind der Veränderung weht, bauen die einen Mauern, die anderen setzen Segel. Die neue Pfarrerin will Segel setzen, nicht nur, weil sie von der Küste stammt. Der Kurs ist schon mal abgesteckt. "Natürlich werden wir hier nicht jene Quoten erreichen wie in der Lausitz. Wo es auf den Dörfern, bei den alten Sorben, noch eine ganz andere Art der Frömmigkeit gibt." Aber Anja Giese hat sich auf den Weg gemacht. Zu den Finowern.
Einführungsgottesdienst: Sonntag, 24. Januar, 14 Uhr, in der Friedenskirche Finow