"Dass Amadeu Antonio vor fast 22 Jahren nahe der damaligen Chemischen Fabrik von Rechtsradikalen getötet wurde, ist auf das Schärfste zu verurteilen", sagt Günther Lawrenz, der unter keinen Umständen falsch verstanden werden möchte. Der 77-Jährige hatte längst mit dem traurigen Schicksal seines Sohnes abgeschlossen, als die Diskussion um die Erinnerungskultur in Eberswalde Fahrt aufnahm. Argumente für und gegen eine Amadeu-Antonio-Straße machten Schlagzeilen. Erst der Beschluss der Stadtverordneten, das im Bau befindliche Bürgerbildungszentrum nach dem getöteten Angolaner zu benennen, zog nach anderthalb Jahren einen vorläufigen Schlussstrich unter die Auseinandersetzung.
"Es gab auch andere Gewaltopfer in Eberswalde, über die aber niemand spricht", sagt Günther Lawrenz. Sein Sohn sei 28 Jahre alt und voller Pläne gewesen, als er am 12. Juli 1988 als Unbeteiligter in eine Schlägerei geriet, die ihn das Leben gekostet habe. Die Ereignisse jenes Abends haben sich die Eltern Stück für Stück aus offiziellen und nichtoffiziellen Angaben des damals ermittelnden Staatsanwalts zusammengesetzt.
Demnach hatte Jörg Lawrenz, Betriebshandwerker bei der HO, in Feierabendtätigkeit eine Reparatur erledigt, um die er vom Wirt der Gaststätte "Zum Eisenbahner" gebeten worden war. In der Kneipe seien drei deutsche und zwei kubanische Zecher untereinander in Streit geraten. Der Wirt habe die Kubaner schließlich vor die Tür gesetzt. Dort hätten sie gewartet, um die Prügelei fortzusetzen. Das Trio aber habe sich fortgeschlichen.
"Es war wohl das Pech meines Sohnes, dass er an dem Abend nicht ebenfalls schnurstracks nach Hause ging, sondern nach getaner Arbeit auf der anderen Straßenseite stehenblieb, um zu beobachten, was geschehen würde", berichtet Günther Lawrenz. Vielleicht aus Enttäuschung seien die Schläger schließlich über Jörg hergefallen.
Und dies am 30. Hochzeitstag seiner Eltern, die erst am Tag danach darüber unterrichtet wurden, dass ihr Sohn mit einer Schädelbasisfraktur im Krankenhaus lag. Wenige Stunden nach der per Telefon überbrachten Nachricht sei Jörg seinen schweren Verletzungen erlegen.
Eine ordentliche Gerichtsverhandlung habe es nie gegeben, bedauert Günther Lawrenz. Stattdessen eine außergerichtliche Zusammenkunft, bei der entschieden worden sei, dass die beiden der Tat Überführten die Beerdigungskosten zu übernehmen hätten. "Doch selbst um diese Ausgabe sind sie herumgekommen, weil sie danach schleunigst abgeschoben wurden", sagt der Vater, der vor der Wende nicht über das Verbrechen sprechen durfte und dem später nur wenige zuhörten.
An der Unterschriftenversammlung gegen eine Amadeu-Antonio-Straße hat sich Günther Lawrenz nie beteiligt. Aber er findet die Anregung der CDU-Fraktion gut, im Bürgerbildungszentrum ein Kabinett einzurichten, das an alle Gewaltopfer erinnert. "Dort hätte auch Jörg seinen Platz", findet er.