Studiert hat Mart Laanemäe angewandte Physik und Werkstoffwissenschaften, promoviert in Chemie. Geboren ist er in Vancouver. Er war wissenschaftlicher Mitarbeiter an einem Max-Planck-Institut in Stuttgart, Ingenieur in München, auch Redakteur fürs Radio Freies Europa. Perfekt Deutsch spricht der 58-Jährige auch, gerademal das sehr weich rollende "R" lässt sich als Akzent auslegen.
Was Laanemäes Biografie mit Estland zu tun hat, außer dass er der Botschafter des kleinsten Baltik-Staates ist? Die Frage liegt auf der Hand. Im "Diplomatischen Salon" stellt sie ein Mann, als nach etwa einer Stunde endlich die Gesprächsrunde zum Publikum hin eröffnet ist. "Meine Eltern, alle meine Vorfahren kommen aus Estland", antwortet der diplomatische Vertreter des Landes in Berlin. Beide Eltern waren nach dem Krieg Flüchtlinge und kehrten später in die Heimat zurück. Wie auch Laanemäe selbst. "Mein ganzes Leben hat mit Estland zu tun", sagt er.
Mit Mitte 30 trat er Mitte der 90er-Jahre, nach kurzem Zwischenspiel als Kommerzdirektor einer Aktiengesellschaft, in den diplomatischen Dienst ein. Ein Posten folgte dem anderen - unter anderem als Botschafter in Österreich, der Slowakei, Slowenien, Tschechien, Ungarn, der Schweiz, zwischen 2008 und 2012 schon einmal in Berlin wie auch jetzt wieder, seit August.
"Wenn Sie fragen, ob das mein großer Traum gewesen ist - nö", erweitert und beantwortet der estnische Chefdiplomat die Frage selbst. "Ich habe mich seit 25 Jahren um keine Stelle beworben. Das wird einem alles angeboten", holt sich Laanemäe scherzend die Sympathien der Zuhörer ein. Es ist bereits die Phase, in der es am persönlichsten wird bei der sechsten Auflage der Veranstaltungsreihe. Martin Hoeck, FDP-Stadtverordneter, hat als Vorsitzender der Hoeck-Stiftung, die den Salon ausrichtet, erneut einen hochrangigen Diplomaten nach Eberswalde eingeladen. Von Botschafter zu Botschafter - die Vertreter Kosovos, Sloweniens, Dänemarks, Liechtensteins sowie der Republik Moldaus waren schon da - ist das Publikumsinteresse gewachsen. Diesmal wird der Saal in der Stadtbibliothek im Amadeu-Antonio-Haus besonders voll. Mehr als 100 Stühle sind besetzt - Besucherrekord.
Mehr als um das Land geht es diesmal um die große Politik. Zum Teil vor aktuellem Hintergrund, teilweise auch, weil Eberswaldes Bürgermeister Friedhelm Boginski (FDP) in einer Begrüßungsrede die Richtung für den Startvortrag des Salon-Gastes vorgibt. Die baltische Republik hat seit Sonnabend die EU-Ratspräsidentschaft inne. Er sei gespannt, wie "so ein kleines Land den großen Block zusammenhalten will", sagt Boginski. Und er spricht die Digitalisierung an. In dieser Hinsicht Uninformierte erfahren an dem Abend, dass Estland für die Verlagerung sämtlicher Lebensbereiche in die Welt der Daten wie kaum ein anderes Land steht. Sogar eine digitale Botschaft in Luxemburg hat Estland errichtet. "95 Prozent der Datenwolken sind in den Vereinigten Staaten", erläutert Botschafter Laanemäe. Man solle doch Daten, die für ein Land wichtig sind, selbst schützen.
Im Übrigen gebe es in digitalen Fragen noch keinen Binnenmarkt in Europa. "Es gibt viele Themen der Digitalisierung in Europa und wir werden sie voranbringen", so Laanemäe. Aber auch, wenn das Land klein sei, es werde sich beim EU-Vorsitz nicht nur um zwei, drei Themen, sondern um die ganze Bandbreite kümmern, verspricht der Botschafter.
Der nächste "Diplomatische Salon" könnte auch ein interessantes Kontrastprogramm bieten. Am 1. Oktober kommt der Vatikanbotschafter in Deutschland, Erzbischof Nikola Eterovic, nach Eberswalde. Die Veranstaltung findet im Paul-Wunderlich-Haus statt - wo Platz für einen neuen Besucherrekord wäre.