"Ohne Bus rollt es im Barnim nicht." Diplom-Wirtschaftsingenieur Frank Wruck formuliert diesen Satz durchaus selbstbewusst, aber auch mit großem Gefühl für die Verantwortung als Geschäftsführer der Busgesellschaft. Die Busse bringen Kinder pünktlich zur Schule, Frauen und Männer zur Arbeit, Senioren zum Arzt und zum Einkauf in die Stadt und wieder nach Hause.
Übers Jahr rollen die 115 BBG-Busse und die Fahrzeuge der zwölf Subunternehmer 4,5 Millionen Fahrplankilometer im Barnim und 1,2 Millionen Fahrplankilometer in Märkisch-Oderland. 53 Regionallinien betreibt die Busgesellschaft. Darunter fünf Stadtlinien in Eberswalde, zwei in Bernau sowie eine in Bad Freienwalde. 229 Mitarbeiter sowie 13 Auszubildende sorgen dafür, dass die Busse rollen. Damit ist die Barnimer Busgesellschaft einer der größten Arbeitgeber der Region.
Als Wiege der Barnimer Busgesellschaft gilt der VEB Kraftverkehr Eberswalde. Gegründet 1953. Vor genau 60 Jahren. Die Firma wandelte sich mit den Zeiten. 1963 wuchs das Unternehmen um die Kraftverkehrsbetriebe in Bad Freienwalde und Bernau. Die Städte Eberswalde und Finow schlossen sich zusammen. In der DDR bildeten sich Kombinate. Der volkseigene Verkehrsbetrieb verlor im Jahre 1970 einen wichtigen Teil seiner Entscheidungsfreiheit und wurde fortan durch den "VEB Verkehrskombinat Frankfurt (Oder)" geleitet.
1990 wurde der "VEB Kraftverkehr Eberswalde-Finow" aus dem Kombinat herausgelöst und in die Kapitalgesellschaft "Verkehrs- und Speditionsgesellschaft mbH" umgewandelt und zwei Jahre später in zwei Kapitalgesellschaften gesplittet - die "Barnimer Busgesellschaft mbH" als Betreiber des Öffentlichen Personennahverkehrs und die "Eberswalder Speditionsgesellschaft mbH Dettendorfer und Partner" für den Güterverkehrs.
Die Betriebsteile in Bernau und Bad Freienwalde blieben der Barnimer Busgesellschaft als Betriebshöfe erhalten. Wenn Frank Wruck von seinen Vorgängern spricht, dann mit großer Hochachtung: "Aus heutiger Sicht war deren größte Leistung die Erhaltung des O-Bus-Systems. Wir fahren heute in Eberswalde auf der ältesten Obus-Linie Deutschlands mit den modernsten Oberleitungs-Bussen. Da fragen mittlerweile Fans und Experten aus Japan und Kanada, aber zunehmen auch aus Westeuropa und deutschen Städten nach, wie wir das gemacht haben."
Die erste Eberswalder O-Buslinie fuhr am 22. März 1901 und zwar doppelt so schnell wie der Pferdeomnibus. Ausgestattet war sie mit Polsterbänken, Gardinen und elektrischem Licht. Die ersten Fahrgäste zahlten zehn Pfennig für die Tour. Nach einem Vierteljahr wurde der Probebetrieb jedoch wieder eingestellt - wegen diverser Probleme. Im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts gaben die Eberswalder Stadtverordneten der Straßenbahn den Vorzug. Als in Ostend die Ardelt-Siedlung entstand, kam die Tram schnell an ihre Grenzen. Am 3. November fuhr der erste O-Bus vom Typ MPE I als Ersatz für die stillgelegte Straßenbahn. Fünf Fahrzeuge ermöglichten einen 10-Minuten-Takt.
Als in der Nacht vom 25. auf den 26. April 1945 Bomber ein Drittel der Eberswalder Innenstadt in Schutt und Asche legten, verbrannten in der Fahrzeughalle acht Busse und drei Anhänger. Flüchtende Militärkolonnen räumten herabhängende Fahrleitungen später beiseite, zerschnitten sie, warfen die Reste in Seitenstraßen.
Unter katastrophalen Bedingungen begannen die Stadtwerke im Mai 1945 mit dem Wiederaufbau. Bruchscheiben wurden durch Pappe ersetzt. Der unbeschädigte Fahrdraht in Ostende wurde abgebaut und zwischen Boldstraße und dem Alsterplatz (heute Karl-Marx-Platz) verwendet. Beleuchtung und Elektrosteuerung der Fahrzeuge wurden direkt aus der Fahrleitung gespeist. Batterien waren Mangelware. Ausgebrannte Busse mussten ausgeschlachtet werden, um mit diesen Teilen andere aufzurüsten. Am 7. August 1945 fuhr der erste O-Bus wieder zwischen beiden Endpunkten in Westend und Ostend. In den folgenden Jahren zwangen Materialengpässe den Busverkehr immer wieder mal ganz in die Knie, mal musste der Sonntagsverkehr eingestellt werden.
Erst Anfang der 50er Jahre entspannte sich die Lage. Die DDR begann mit der Fertigung eigener O-Busse in Werdau und in Ammendorf. Die ersten neuen vom Typ LOWA W 600 kamen 1951. In dem Jahr, in dem der Verkehrsbetrieb in VEB Verkehrsbetrieb Eberswalde umfirmiert wurde. Später kamen O-Busse aus der CSSR (Skoda). Ikarus-Busse aus Ungarn lösten sie nach einem Vierteljahrhundert ab.
Mitte der 1970-er Jahre steht der O-Bus auf der Kippe. Es fehlt an Ersatzteilen. Erst die weltweite Ölkrise mit für damalige Zeiten riesigen Preissprüngen für den fossilen Brennstoff erzwingt ein Umdenken.
Mandy Kutzner hat die Chronik "70 Jahre O-Bus in Eberswalde" zusammengestellt. Sie ist fasziniert von dem, was die Eberswalder in den Nachkriegsjahren und auch später für ihren O-Bus getan haben: "Die Mitarbeiter haben in der Freizeit an Bussen gearbeitet, im Nationalen Aufbauwerk Strecken in Ordnung gebracht, das Netz ausgebaut - freiwillig. Da steckt Herzblut drin." Ohne sie würde der O-Bus sicher nicht rollen.