Die Themenvielzahl mochte so manchen Gast bei der Auftaktveranstaltung der neuen interkulturellen Reihe "Tohuwabohu" im ersten Moment überfordern. Doch hinterließ sie das ehrliche Gefühl, dass es für all die aufgeworfenen Probleme keine Patentlösung gibt. Und machte deutlich, dass es mehr als nur einen guten Grund gibt, warum Menschen ihre Heimat verlassen und in Deutschland ein neues Leben anfangen wollen.
Dafür, dass es bei diesen Entscheidungen nicht immer um Leben oder Tod gehen muss, sondern auch miserable wirtschaftliche Bedingungen ein Grund sein können, sich auf die Reise zu machen, stand an diesem Abend der Eingangsfilm. Auf einer in der Stadtbibliothek aufgestellten Leinwand sah man in Endlosschleife, wie Männer in einer Bäckerei Brotlaibe formten und in den Ofen schoben.
Das Fremdwort Antiziganismus fiel an diesem Abend mehrmals. Der Begriff steht für die Fremdenfeindlichkeit gegenüber Roma und Sinti, die ihren abscheulichen Höhepunkt in der Ermordung von geschätzt 500 000 Roma und Sinti durch die Nationalsozialisten fand. Aber auch in der heutigen Zeit ist Antiziganismus versteckt und offen zur Schau getragen allgegenwärtig. Da muss man sich nur einen Begriff wie "Zigeunerschnitzel" oder das Stereotyp der mit erotischen Fantasien aufgeladenen Zigeunerin vergegenwärtigen. Dass es auch die sogenannte "Zigeunermusik", die viele Menschen ja so sehr lieben, nicht gibt, bewiesen die Musiker des Abends. So spielten sie traditionelle Melodien der Roma aus Russland und der Sinti aus Deutschland, die durch ihre unterschiedlichen kulturellen Einflüsse völlig unterschiedlich klangen. Ebenso wenig wie die typische Roma-Musik gebe es die typische Roma-Kultur, erläuterte Roma-Mediator Christoph Leucht. Talkmaster Bytyci hatte ihn als Diskussionspartner eingeladen, der mit ihm gemeinsam die schwierige Situation der Roma in Deutschland dem Publikum näherbringen sollte.
In einem Videobeitrag kam auch die Gleichstellungsbeauftragte des Kreises Marieta Böttger zu Wort. Sie ging speziell auf die im Barnim lebenden Roma ein, sprach von teilweise prekären Lebensverhältnissen, in denen Roma Straßenzeitungen verkaufen müssen, um über die Runden zu kommen. Und von Kindern, die jahrelang keine Schule besucht haben. Es gebe eine Sprachbarriere und würde an Partnern fehlen, so Böttger. Bytyci und sein Partner Don Christian Nica sicherten ihr bei ihrem Besuch ihre Mithilfe zu.
Lesung mit André Herzberg aus dem Roman "Alle Nähe fern" am 12. November ab 19 Uhr