Das Eberswalder Kanaltheater hat dieses fragwürdige Fernsehformat einmal genauer unter die Lupe genommen. Und daraus eine wunderbar kurzweilige und an vielen Stellen gelungene Parodie entwickelt, die am Freitagabend Premiere feierte. Der Clubraum des Exil ist ein herrlich passender Ort für die erste Staffel der Real-Soap. Statt klinischweißen Wänden, schwarzgetünchtes Mauerwerk. Keine hygienisch sauberen Betten, sondern blutverschmierte Pritschen. Patienten werden anstelle von Krankenwagen mit der Hubkarre transportiert. Und das OP-Besteck sind Rohrzange und Silikonspritze.
In diesem Szenario, das von Regisseurin Heike Scharpff und Dramaturgin Katja Kettler zusammen mit den Akteuren entwickelt wurde, ist wirklich alles runtergerockt. Die Story, die Kulisse und die Figuren. Die haben blutigste Verletzungen - riesige Nägel in den Händen - Krätze und Schizophrenie. Und die Krankheiten machen auch vor dem Klinikpersonal nicht halt. Die Schwester (Produktionsleiter Kai Jahns) leidet am Tourette-Syndrom und beschimpft die Patienten aufs Übelste.
Überhaupt geht dieses dämonische Krankenhauspersonal äußerst unwirsch mit den Patienten um. Die sollen mit ihren Schmerzen nicht ständig nerven. Die sind höchstens dann interessant, wenn ihr spezielles Leiden für die Forschung infrage kommt. Um diese fortschreitende Verrohung zu ertragen, nehmen alle gern die Dienste des dealenden Krankenpflegers in Anspruch.
Dann wird von ganz oben zur Optimierung aufgerufen: Die Klinik soll wirtschaftlicher werden - die Ärzte mehr arbeiten, die Patienten schneller wieder nach Hause geschickt werden. Der blanke Hohn, da man doch vorher mitbekommen hat, dass eine Oberärztin, um ihre Arbeit zu schaffen, sowieso schon in die Klinik eingezogen ist...
Der anderthalbstündige schonungslose, groteske Abend ist ein Geheimtipp für Fans von Gegenwartstheater.
Nächste Vorstellungen: 18. und 19. Dezember, 20 Uhr, Konzertbaracke Exil.