In Finowfurt geboren, seit 25 Jahren Lichterfelder – doch der Wirkungsradius von Jürgen Müller hat sich über den gesamten Globus erstreckt. Nun geht der Wissenschaftler vom Thüneninstitut, der zuletzt auch mit der twitternden Kiefer Schlagzeilen machte, in Rente.
Es ärgert Jürgen Müller, dass die Kiefer auf der Versuchsfläche in Britz, die tagtäglich Kurznachrichten über ihr Befinden in die Welt hinausschickt, nicht seine Idee war. „Die Messgeräte an den Bäumen haben wir seit Jahren“, sagt er. Sie über Twitter reden zu lassen, darauf sei die Universität Gent in Belgien gekommen.
Auf diese Weise gelangt ein Thema in die Öffentlichkeit, mit dem sich Müller zeit seiner wissenschaftlichen Karriere beschäftigt hat und das auch auf dem Ehrenkolloquium eine Rolle spielt, das zum Abschied des Hydrologen am Dienstag im vollen Hörsaal auf dem  Waldcampus stattfindet. Es geht um Wasser und Waldwachstum in einer trockeneren Zukunft.
Müller hat erforscht, welche Bäume unter den Bedingungen, die der Klimawandel mit sich bringt, die besten Chancen haben. Und er hat sich eines Verfahrens mit sogenannten Lysimetern bedient. Dabei wird meist der Boden der jeweils natürlichen Umgebung in großen Zylindern herausgeschält und zur Versuchsfläche gebracht. Wenn Jürgen Müller das wissenschaftlichen Laien beschreibt, spricht er immer wieder von großen Blumentöpfen, in denen zum Teil Versuchsbäume unter simuliertem Trockenstress wachsen.
Für diese Blumentöpfe oder  für das am Institut erprobte Waldbrandfrühwarnsystem interessieren sich internationale Wissenschaftler. Deshalb hat der 1953 im Ernst-Thälmann-Krankenhaus von Finowfurt geborene Jürgen Müller eines bereits erreicht. „Ich wollte immer die weite Welt sehen“, sagt er. Forschung und Kongresse führten ihn nach Südafrika, Australien, China, Japan und in die USA. Zuletzt ging es nach Kasachstan, wo Kiefern unter relativ trockenen Bedingungen wachsen. Trotz Ruhestand geht es Mitte März im Dienste der Wissenschaft nach Israel.
Bevor der Hydrologe die weite Welt sehen darf, studiert der heutige Lichterfelder in Rostock und Dresden und landet zunächst am Forschungszentrum für Bodenfruchtbarkeit in Müncheberg. 1990 fängt er in Eberswalde an. Das Institut für Forstwissenschaft, das seit Müllers Start zweimal den Namen wechselt und seit 2008 Thüneninstitut heißt, bleibt bis zur Rente sein Arbeitgeber. Die Einstellung vor 30 Jahren, mitten in der Wendezeit, empfindet Müller als Glücksfall.
Und als solchen sehen seine Wegbegleiter den Wissenschaftler offenbar auch. Für seine „unglaubliche Leistung und für seine offene und mitreißende Art“ dankt ihm Thüneninstitutsleiter Andreas Bolte am Dienstag nach seinem Vortrag zur Zukunft des Waldes. „Bleib uns gewogen“, bittet er Müller und verleiht dieser Bitte mit einer Flasche Malt-Whiskey Nachdruck. Viele der Gäste kommen im Anschluss des Kolloquiums, an dem mehr als 100 Hörer teilnehmen, auf Müller zu. Nach dessen abschließenden Worten gibt es stehende Ovationen. „Lasst gut sein. Ich bin nicht gestorben“, fordert der Hydrologe das Publikum auf, bevor er alle zum Essen in die Mensa bittet.
Wie oft er sich künftig auf „Müllers Ruhebank“ setzen wird, die ihm Tischler der Hochschule zum Abschiedsgeschenk gemacht haben, ist ohnehin fraglich. Trotz seiner bald drei Enkel wird sich der 65-Jährige nicht gänzlich ins Privatleben zurückziehen und auf dem Gründach seines Holzhäuschens in Lichterfelde mit Ehefrau Apollonia Kräuter ernten. „Für die Ehre“, so sagt der promovierte Forscher, habe er kürzlich seine Habilitationsschrift an der Uni Rostock abgegeben. Eine Arbeit, deren Aufwand der Vater zweier erwachsener Söhne überschätzt habe und wegen der seine Familie in letzter Zeit zu kurz gekommen sei.
Doch Müllers wissenschaftlicher Eifer scheint ungebrochen. Im Ruhestand möchte er sich mit weiteren Mitstreitern als Naturwissenschaftlicher Verein Eberswalde der Lysimeterstation auf dem Drachenkopf widmen – der ältesten für forsthydrologische Zwecke weltweit.