Die Fabrikantenvilla Quiring ist längst Geschichte, sie ist verschwunden. Guido Ney, der das Grundstück an der Heegermühler Straße 14 im Vorjahr von der Stiftung Preußischer Kulturbesitz erworben hatte, hat sie abreißen lassen. Die Bausubstanz war zu marode, erklärt Architekt Siegfried Schwarzer, der im Auftrag Neys tätig ist, dem Bauausschuss. Beide - Ney und Schwarzer - haben unter anderem bereits gemeinsam die Anlage "Wohnen an der Uferstraße" in Altenhof entwickelt.
Laut Baugesetz könnte der neue Eigentümer sofort loslegen mit einer neuen Bebauung in Westend, sofern sich die Planungen an die "umliegende Bebauung" anlehnen. Eine entsprechende Bauvoranfrage sei auch positiv beschieden worden, informiert Schwarzer. Allein der Investor hat es sich anders überlegt. "Das Grundstück mit seiner exponierten Lage verlangt nach mehr", gibt Schwarzer die Position Neys wieder. "Mehr" bedeutet: mehr Tiefe und mehr Höhe. Je nach Blickrichtung markiere das Grundstück den "Eingang" zum Stadtteil Westend oder den Beginn der Innenstadt mit dem Bahnhof. Wegen dieser besonderen städtebaulichen Situation schlage man eine "zusätzliche höhenmäßige Betonung" vor. Und zwar in Gestalt zweier Punkthäuser - bei einer Gesamthöhe von 25 Metern- mit jeweils acht Geschossen.
Die sollen hintereinander angeordnet werden. Dazwischen viel Grün und beispielsweise ein Kinderspielplatz, zeigt der Architekt den Abgeordneten Skizzen. Insgesamt seien 76 Wohnungen geplant, "alle zur Miete", wie Schwarzer betont. Im Gegensatz zu Altenhof, wo bekanntlich Eigentumswohnungen entstanden sind. Aber mit einer hochwertigen Ausstattung, so dass der Mietpreis etwas über dem aktuell für Eberswalde üblichen Zins liegt. Kalkuliert seien acht Euro pro Quadratmeter. Die Parkplatzfrage soll durch eine Tiefgarage gelöst werden. Also unterirdisch.
Im Erdgeschoss könnte jeweils Gewerbe angesiedelt werden: Arztpraxen, Physiotherapie, Büros, aber auch eine Tagespflege-Einrichtung oder eine Kita seien denkbar. Aufgrund der Nähe zum Bahnhof, davon sind Ney und Schwarzer überzeugt, seien die Wohnungen auch für Berliner interessant. "Insofern sollte die Bebauung eben ,großstädtische' Akzente setzen und eine Leuchtturm-Funktion haben", findet der Architekt. Und sogleich fügt er hinzu: "Bei gleichzeitigem Erhalt des Grüncharakters."
Noch sei aber alles "nur" eine Idee. Denn sollen die Gedanken Realität werden, müsse man einen Bebauungsplan aufstellen. Und dazu brauche man das Einvernehmen mit der Stadt. Baudezernentin Anne Fellner bekräftigt: Eine Bebauung in Form von Punkthäusern entspreche durchaus den Grundsätzen der Stadt, wonach verdichtete Wohnbebauung Vorrang habe. Die konkrete Umsetzung "liegt bei uns". Die Stadt bzw. das Parlament "haben es in der Hand", ob ein Achtgeschosser errichtet wird oder vielleicht nur ein Sechs- oder Siebengeschosser. Oder ob es bei einem Flachbau bleibt.
Die Mitglieder des Bauausschusses scheinen erstmal perplex ob der hochfliegenden Pläne. Er sei "etwas geplättet", bekennt Riccardo Sandow. Um sodann zu erklären: "Ich finde es mutig." Auch wenn die Idee sicher große Diskussionen auslösen werde. Aber das Nachdenken, in die Höhe zu bauen, sei mit Blick eben auf die angestrebte Verdichtung wichtig. Ähnlich sieht es Uwe Grohs, der wegen der Lage an der Bundesstraße besondere Lärmschutzmaßnahmen empfiehlt. Denkbar wäre sicher auch eine Staffelung, erklärt Schwarzer auf Nachfrage aus der Runde. Ziel des Eigentümers sei, 2018 mit dem Bau zu beginnen. Es ginge um eine Investition von zirka 14 Millionen Euro.
Heinrich Quiring (1860-1927) war Direktor der Märkischen Eisengießerei in Eberswalde. Diese war 1890 von Fedor Friedeberg gegründet worden. Das Verwaltungsgebäude der Eisengießerei ist noch erhalten und steht unter Denkmalschutz: am Kupferhammer Weg 30 (die heutige Kinderakademie). Heinrich Quiring war mit Johanna Maria Dettweiler verheiratet. Weshalb die Villa an der Heegermühler Straße auch als Villa Johanna bekannt war.