Eberswalde. Eine neu gegründete Barnimer Initiative will Flüchtlingen, denen die Abschiebung droht, ähnlich wie beim Kirchenasyl eine zeitweise Obhut bieten. Einige haben das schon erprobt. Nun wollen sie eine Liste mit Menschen veröffentlichen, die die Idee unterstützen und selbst auf diese Art helfen würden.
Es sind Fälle wie der von Salina Bachmadova*, die die Initiative Barnimer Bürgerinnen-Asyl aufgreift. 2016 war die jetzt 25-Jährige mit Mann und Kind aus Tschetschenien geflohen. Ihr Weg führte sie in den Barnim. Gemäß Dublin-Verordnung wurde sie nach Polen zurückbeordert – ins Land, in dem die Familie zuerst um Asyl gebeten hatte. „Doch in Polen gibt es keinen Schutz“, sagt Salina Bachmadova, die sich gut auf Deutsch verständigen kann. Sie hatte Angst, von dort direkt nach Tschetschenien abgeschoben zu werden. In ihrem Heimatland sei ihr Mann brutal gefoltert worden, unter anderem mit Stromschlägen. Er befinde sich in psychologischer Behandlung, habe sich erst in Deutschland seiner Frau gegenüber geöffnet. Auch das gemeinsame Kind sei traumatisiert.
Anja Schmidt* lernte die Tschetschenen schon vor vielen Monaten kennen, half bereits bei Behördengängen. Als sie von der Dublin-Abschiebung erfuhr, nahm die 33-Jährige, die mit Mann und Kind in Eberswalde lebt, die Flüchtlingsfamilie bei sich auf. Vom Bürgerasyl hatte sie bereits aus Großstädten erfahren. Zwei Monate stellte sie ihr Wohnzimmer zur Verfügung. Denn kommt es bis dahin nicht zur Abschiebung, sind die deutschen Behörden zuständig.
Die haben den Asylantrag bereits abgelehnt. Das Klageverfahren, das nun läuft, habe bei Tschetschenen eine Erfolgschance von zwei Prozent. Doch die Familie hat Zeit gewonnen. Kommt es allerdings erneut zur Aufforderung der Ausreise, ist es mit zwei Monaten Bürgerasyl nicht getan.
Deshalb sucht Philipp Grunwald, der die Barnimer Initiative mit ins Leben rief, nach weiteren Unterstützern, die gegebenenfalls auch selbst Flüchtlinge aufnehmen würden oder das schon getan haben. Menschen aus dem Tschad und Iran wurde bereits Obhut gewährt. 55 Unterstützer zähle die Initiative „Barnimer Bürger*innenasyl“. Deren Namen sollen nun veröffentlicht und damit ein Zeichen gesetzt werden. „Keine Abschiebung aus dem Barnim“ fordert die Initiative und bezeichnet auch solche nach Dublin-Abkommen als unmenschlich.
Im Gegensatz zum Kirchenasyl ist das Bürgerasyl in der Barnimer Kreisverwaltung noch nicht bekannt. Wie auf Anfrage mitgeteilt wird, sei 2018 eine Person nach Dublin-Verfahren aus Syrien nach Österreich und eine aus Guinea nach Italien geschickt worden. Abschiebungen in die Herkunftsländer betrafen eine Person aus Vietnam und aus dem Tschad. 2017 hatte es zehn solcher Abschiebungen gegeben, davon sieben nach Albanien. Gemäß Dublin-Abkommen wurden im gleichen Jahr sieben Afrikaner nach Italien, Belgien und Frankreich geschickt. 13 Menschen der Russischen Föderation mussten wie die Familie von Salina Bachmadova nach Polen.
Die Tschetschenin hofft weiter auf eine Zukunft in Deutschland. Sie würde gern eine medizinische Ausbildung machen. Ihr Mann habe bereits Arbeit. Wegen des Geldes, sagt sie, seien sie nicht gekommen.
*Name zum Schutz der Person  von der Redaktion geändert