Noch hält sich die Aufregung von Pauline Maeß (16) und Alexandra Linde (16) in Grenzen. Heute um 15 Uhr werden die Schülerinnen der elften Jahrgangsstufe des Alexander-von-Humboldt-Gymnasiums in Berlin auf Rüdiger Grube treffen. Sie begegnen dann dem Vorstandsvorsitzenden des bundeseigenen Unternehmens, das im Oktober 2014 die in ihrer Brisanz überraschende Entscheidung verkündet hatte, das DB-Fahrzeuginstandhaltungs-Werk Eberswalde wegen unzureichender Auslastung spätestens Ende 2016 zu schließen. Die Schockstarre, die durch diese Hiobsbotschaft ausgelöst worden war, wich rasch einem in der Barnimer Kreisstadt zuvor nie dagewesenen Mix aus Solidaritätsbekundungen und Entschlossenheit: Die 490 Arbeitsplätze in Eberswaldes größtem Industriebetrieb sollten keinesfalls kampflos aufgegeben werden.
In die Schar der Widerständler reihten sich auch Pauline Maeß und Alexandra Linde ein - indem sie Unterschriften sammelten. "Mein Vater arbeitet seit 27 Jahren im Bahnwerk. Der Vater von Alexandra seit 29 Jahren", beschreibt Pauline Maeß ihre Motivation. "Uns treibt die Sorge um, dass unsere Väter der Arbeit wegen nur noch an den Wochenenden zu Hause sein können. Oder dass unsere Familien umziehen müssen und wir unsere Freunde und unser gesamtes soziales Umfeld verlieren", ergänzt Alexandra Linde.
Zusammen hatten die jungen Frauen bereits an die 150 Unterschriften zusammengetragen, als der CDU-Stadtverordnete Dietmar Ortel auf sie aufmerksam wurde, ihnen seine Unterstützung anbot und obendrein den Kontakt zum in Barnim und Uckermark direkt gewählten CDU-Bundestagsabgeordneten Jens Koeppen herstellte. Der würdigte den Einsatz der beiden Abiturientinnen, indem er ihnen einen Termin bei Rüdiger Grube besorgte. "So viel Engagement muss belohnt werden", erklärt Jens Koeppen.
Hilfe haben Pauline Maeß und Alexandra Linde überdies von der CDU-Fraktion in der siebenköpfigen Eberswalder Stadtverordnetenversammlung und im 80 Mitglieder zählenden CDU-Stadtverband bekommen. Sie wurden in eine Fraktionssitzung eingeladen - und bekamen nach ihren Entwürfen zunächst 50 Plakate gedruckt, die für Eberswalder Geschäfte bestimmt sind. Obendrein 2000 Unterschriftenlisten, die ebenfalls großflächig verteilt werden. "In nicht einmal drei Tagen haben wir in unseren Läden weitere 100 Unterschriften gesammelt", sagt Dietmar Ortel. Die Aktion werde fortgesetzt, bis die Deutsche Bahn AG ihren Schließungsbeschluss zurückgenommen und sich dazu durchgerungen habe, das Eberswalder Werk vor allem für die Kesselwagenwartung und -wäsche zu ertüchtigen.
Plakate und Unterschriften wurden im Kaffeehaus Gustav übergeben. Dessen Inhaber, der Bäckermeister Björn Wiese, hält den Kampf um den Erhalt des Bahnwerks für unverzichtbar. "Wenn knapp 500 Arbeitsplätze wegfallen, geht auch Kaufkraft verloren, die wir in der Region dringend brauchen", betont er.
Von ihrer Begegnung mit Rüdiger Grube erhoffen sich Pauline Maeß und Alexandra Linde keine Wunder. "Wir sind froh, unsere Argumente vortragen zu dürfen. Vielleicht höhlt steter Tropfen ja wirklich den Stein", sagt Pauline Maeß. "Wir werden unser Bestes geben", verspricht Alexandra Linde.