Eigentlich kennt man ihn nur im blauen Werkstatt-Kittel. Für diesen Termin hat sich Ortsvorsteher Wolfgang Winkelmann jedoch in Schale geworfen, die Arbeitsmontur gegen das Sakko getauscht. Am Donnerstag durfte Winkelmann gemeinsam mit Bürgermeister Martin Horst und Amtsdirektor Jörg Matthes den Unternehmerpreis des Ostdeutschen Sparkassenverbandes für Brandenburg in der Kategorie "Kommune des Jahres 2019" in Empfang nehmen. Das Ökodorf hat sich unter vier märkischen Bewerbern – insgesamt waren es 234 Teilnehmer – durchgesetzt. In der Laudatio ist von einem "Trendsetter" die Rede – mit wirtschaftlichem Erfolg und vorbildlicher Ökobilanz. Brodowin gilt als Beispiel für einen gelungenen Transformationsprozess.
Dabei hat auch das Sieben-Seen-Dorf verloren. Längst gibt es keine Schule mehr, auch der Landmarkt, der Dorfkonsum, hat geschlossen. Zum Arzt müssen die Brodowiner nach Chorin oder nach Eberswalde, ebenso wenn es um Bankgeschäfte geht. Aber: Brodowin hat auch gewonnen. Einwohner, Nachwuchs, Vereine, Wirtschaftskraft. Und eine eigene Dorfband.
Das Dorf, zu DDR-Zeiten geprägt durch die Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft, die LPG, hat sich nach der Wende neu erfunden und dabei seinen ganz eigenen Weg gefunden. Einen Weg, der keineswegs immer eben war. Sondern durchaus nach wie vor durch Konflikte geprägt ist. Wolfgang Winkelmann, der seit 29 Jahren die Geschicke als Bürgermeister bzw. Ortsvorsteher leitet, beschreibt die Besonderheit seiner Heimat mit einem Attribut: vielschichtig.
Brodowin, seit 2002 nicht mehr selbständig, sondern ein Ortsteil der Gemeinde Chorin, war mit einer streitbaren These in das Bewerbungsverfahren um den Unternehmerpreis gestartet. Nämlich mit der Forderung des Präsidenten des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH), Reint Gropp, nach einer neuen Förderpolitik für Ostdeutschland. Gropp begründet dies so: "Die Politik kann nicht verhindern, dass es in Ostdeutschland immer mehr Dörfer gibt, in denen fast nur Rentner leben. Einige ländliche Regionen werden wegen der Demografie und ausbleibender Migration sterben." Ein Tod auf Raten also? Wolfserwartungsland?
Es geht auch anders, sagen die Brodowiner. Ihre Erfolgsformel lautet: Visionär denken, auch im Kleinen. Mehr miteinander statt gegeneinander. Und einen langen Atem beweisen. Aus heutiger Sicht klingt die Idee logisch: Umstellung auf ökologischen Landbau und Aufbau eines sanften Tourismus. Doch kurz nach der Wende gab es für die Idee – trotz Ansätze einer Umweltbewegung in den 1980er Jahren – keineswegs nur Befürworter und Verfechter. Langsam, aber eben mit langem Atem wuchs das Pflänzchen auf den kargen Brodowiner Böden. Motor der Entwicklung, so stellten die Kommunalpolitiker dar, sei natürlich der Landwirtschaftsbetrieb Ökodorf Brodowin mit seinen drei Standbeinen: der landwirtschaftlichen Produktion, der Verarbeitung und dem Vertrieb.
Jung, dynamisch, erfolgreich
Das Ergebnis dieser Entwicklung ist sichtbar. Und es lässt sich in Zahlen ausdrücken: 40 Neubauten seit 1990, und zwar nicht auf der grünen Wiese, Zuwachs von gut 70 Einwohnern, zwölf Prozent der Brodowiner sind Kinder und Jugendliche bis zwölf Jahre, nahezu Vollbeschäftigung, sieben aktive Vereine, dazu einige Initiativen, eine neue Kita.
Trotz aller Erfolge: Auch in Brodowin sind nicht alle Träume gereift. Es gibt neue Herausforderungen. Etwa den Plan, ein neues Dorfgemeinschaftshaus zu bauen. "Die Baugenehmigung liegt schon vor", so Winkelmann. Und vielleicht, so Matthes und Mitstreiter, ist jetzt auch die Zeit reif, um das grüne Dorf auf grüne Energie umzustellen. Es bleibt spannend.