Wasserstoff statt Diesel, Brennstoffzelle statt Oberleitung. Nur eine Vision? Die Firma Enertrag, die Niederbarnimer Eisenbahn NEB sowie der Fahrzeughersteller Alstom wollen Windkraft aus der Uckermark auf die Schiene bringen. Mittels grünem Wasserstoff und innovativer Zugtechnik. Mit diesem Pilotprojekt, koordiniert durch die Barnimer Energiegesellschaft (BEG), könnten die Akteure zu einem Vorreiter in puncto Verkehrswende und regionale Sektorenkopplung werden. Der Einsatz von brennstoffzellenbetriebenen Zügen auf der Linie der RB 27, also der Heidekrautbahn, wäre nach Darstellung der Initiatoren gleichsam das weltweit erste Einsatzgebiet eines emissionsfreien Schienenpersonennahverkehrs. Als mögliche "Abfahrtszeit" wird das Jahr 2020 genannt. Doch bis zum etwaigen Start sind noch einige Hürden zu nehmen.
Ideengeber des ehrgeizigen Projektes ist die NEB selbst. "Einerseits haben wir vom Verkehrsverbund den Zuschlag für den Betrieb der Strecke bis 2020. Andererseits sind wir selbst Netzbesitzer", beschreibt NEB-Chef Detlef Bröcker eine Besonderheit. Überdies sei das Netz der RB 27 ein "sehr isoliertes" und kleines. Was es wiederum für einen innovativen Test, für ein Forschungsprojekt prädestiniere.
Über den Mitgesellschafter Landkreis Barnim, der 2008 eine Null-Emissions-Strategie beschlossen hat und seither schrittweise umsetzt, habe man recht zügig Mitstreiter und Partner gefunden. Zumal es mit Alstom Transport Deutschland einen Schienenfahrzeughersteller gibt, der bereits Brennstoffzellen-Züge erprobt. Für Anfang nächsten Jahres, weiß Bröcker, wird die Zulassung dieses Zuges, des Coradia iLint, erwartet. Ziel der NEB sei es, 2020 vier oder fünf dieser innovativen Fahrzeuge in Betrieb zu nehmen und damit die bisherigen Diesel-Bahnen abzulösen. Natürlich sei das Projekt mit Risiken verbunden. Aber auch mit großen Chancen, wie der NEB-Vorstand findet. "Und es passt gut in die Ausflugsregion rund um Wandlitz." Wobei die Heidekrautbahn, dank Anbindung an die Berliner S-Bahn, bekanntlich nicht nur touristische Bedeutung hat, sondern immer stärker auch eine für Berufspendler. Pro Tag nutzen etwa 4000 Fahrgäste die RB 27, am Wochenende seien es sogar 6000, so der NEB-Chef. Nachfrage steigend.
Der Treibstoff für die neuen Züge käme aus der Uckermark, von der Firma Enertrag. Das Unternehmen erzeugt schon heute im Hybridkraftwerk mittels Elektrolyse aus Windstrom grünen Wasserstoff, der momentan ins Erdgasnetz eingespeist wird. "Wir könnten die Produktion deutlich erweitern", sagt Vorstandsvorsitzender Jörg Müller. Er sieht in Wind-Wasserstoff den "Schlüssel für eine erfolgreiche Energiewende". Zukünftig würden immer mehr Bereiche der Gesellschaft von erneuerbaren Energien versorgt. "Der Mobilitätsbereich ist dabei ein zentraler Sektor - und insbesondere der Schienenverkehr hat dringlichen Aufholbedarf", sagt Müller, gleichzeitig davon überzeugt, dass das Barnim-uckermärkische Gemeinschaftsprojekt eine "hohe Signalwirkung" hätte. Denn nur etwa 50 Prozent des Schienennetzes in Deutschland seien elektrifiziert.
Voraussetzung für die Realisierung der Idee - es ist von einer Gesamtinvestition in Höhe von 35 Millionen Euro die Rede - sei eine Anschubfinanzierung, eine Förderung zum "Markthochlauf" durch Bund und Land, so die Akteure. "Wir müssen zunächst die infrastrukturellen Grundlagen schaffen", sagt BEG-Chef Thomas Simon. Weshalb das Konsortium unter anderem eine Antragstellung im Rahmen des Nationalen Investitionsprogramms Wasserstoff- und Brennstoffzellentechnologie anstrebt.