Mindestens zehn Minuten braucht Szymon Zahajkiewicz, um vor dem Arbeitsbeginn in seinen Strahlanzug zu schlüpfen und seinen Strahlhelm aufzusetzen. Für den Mitarbeiter aus der Berliner Niederlassung der Litterer Korrosionsschutz GmbH und seine bis zu zehn ebenfalls in Eberswalde beschäftigen Kollegen ist es lebenswichtig, dass sie die Schläuche korrekt anschließen, die ihnen über Kompressoren Frischluft zuführen. „Jetzt bin ich bereit für meine tägliche Mondlandung“, scherzt der Mann, der gleich einen weiteren Arbeitstag lang gegen den Rost vorgehen wird, der sich tief in die Stahlträger der Borsighalle gefressen hat.

Zigarettenpause im Freien

Aus seinem Strahlrohr schießt Szymon Zahajkiewicz Hochofenschlacke ab. Staubwolken steigen auf und sorgen dafür, dass die Sicht schlagartig schlecht wird. Funken sprühen und schaffen es nicht, den Raum zu erhellen. Der Arbeiter ist auf das Licht aus seiner tragbaren Lampe angewiesen, um sich zu orientieren. Maximal zweieinhalb Stunden am Stück ist er in Schutzmontur in Einsatz. Dann steht eine Pause im Freien an.
„Manche unserer Leute greifen erst einmal zur Zigarette, wenn sie ihre Helme abgenommen haben“, verrät Marcel Guy, der bei den Korrosionsschutzarbeiten für die Borsighalle als Bauleiter in der Verantwortung steht. Jeder finde eben andere Wege, Stress abzubauen.

Viermal dünner als ein Millimeter

Seit Anfang August ist das Unternehmen mit Hauptsitz in Mannheim in Eberswalde zu Gange. „Wir werden noch bis Mitte Oktober dafür brauchen, die etwa 1550 Quadratmeter Stahlträger vom Rost zu befreien“, sagt Marcel Guy. Die mit dem Strahlrohr aufgebrachte Schlacke brösele die alte Beschichtung ab, was dazu führe, dass Strahlmittelrückstände auf den Boden rieseln würden. Im Ergebnis dieser Prozedur sei die Oberfläche der Stahlträger aufgeraut und darauf vorbereitet, dass neuer Korrosionsschutz aufgetragen werde. „Das passiert mit dem Pinsel oder mit einer Airless-Spritze, die das Spritzgut luftlos durch hohen Druck zerstäubt“, erklärt der Bauleiter. Grundierung, Zwischen- und Deckbeschichtung würden es zusammen auf etwa 250 Mikrometer bringen und damit etwa viermal dünner als ein Millimeter sein.

Vergleich mit Berliner Reichstag

Aber so weit sind die Arbeiter in der Borsighalle noch lange nicht. Sie verbrauchen gerade zwischen 40 und 60 Kilogramm Schlacke pro Quadratmeter Stahlträger. Bis jetzt seien etwa 40 bis 45 Tonnen Strahlmittelrückstände angefallen, die mit Industriestaubsaugern aufgenommen und in großen Behältern zwischengelagert werden. „Wir haben bereits Proben ins Labor geschickt“, berichtet Marcel Guy. Von der Analyse hänge ab, wie der Mix aus Schlacke und alter Beschichtung entsorgt werden müsse.
Dass die Borsighalle derzeit dem 1995 von Christo und Jeanne-Claude verhüllten Reichstag gleicht, ist praktizierter Umweltschutz. 5500 Quadratmeter Polypropylengewebe sorgen dafür, dass weder jetzt die Strahlmittelrückstände noch später die Farbe nach außen dringen können.

Lob der deutschen Wertarbeit

Demnächst stehen an dem Zeugnis der Industriekultur noch die Dacheindeckung und Sanierung des Oberlichts an. Zusammen mit dem Korrosionsschutz werden die abschließenden Arbeiten weitere 1,13 Millionen Euro verschlingen. Alles in allem 2,65 Millionen Euro wird es am Ende gekostet haben, das vom Bund als national wertvoll eingestufte und damit in einer Reihe mit dem Kölner Dom und der Galopprennbahn Hoppegarten stehende Denkmal für die Nachwelt erhalten zu haben. Mit der Inwertsetzung der Borsighalle war bereits 2015 begonnen worden.
Für ihr hohes Alter sei die 1848 vom Industriellen August Borsig entworfene Halle noch prima in Schuss, findet der Bauleiter. „Das war noch echte deutsche Wertarbeit“, lobt er. Diese Qualität wolle oder könne heutzutage niemand mehr bezahlen.

Baugeschichte und Zukunftsideen


Die Eberswalder Halle, 1848 von August Borsig entworfen, gilt als Prototyp für seriell vorgefertigte, transportable Gitterbogenhallen und als beispielgebend für viele heutige Bahnhofshallen. Zunächst war die Halle in Berlin-Moabit errichtet worden. 1899 kam die Konstruktion zur Eisenspalterei nach Eberswalde. Zuletzt war die Halle als Lager in Gebrauch. Seit 1993 steht das Gebilde leer. Über die künftige Nutzung ist noch nichts entschieden. Als Ideen sind unter anderem eine Markthalle, ein überdachter Spielplatz oder ein Bootslagerplatz im Gespräch. Auch der Einbau von Minihäusern, die als Büros, Hotel- oder Jugendherbergszimmer dienen könnten, gilt als Option.