„Wo man singt, da lass dich ruhig nieder. Böse Menschen kennen keine Lieder“, heißt es. Demnach ist der Barnim ein guter Platz zum Verweilen. Denn die Region ist reich an Chören. In unserer Serie stellen wir sie vor. Heute: Iwuschka.
Nein, man muss nicht unbedingt Russisch können, um bei Iwuschka einzusteigen. Aber es ist von Vorteil, sagen die Damen. Und als die Probe in der Havellandstraße 15 beginnt, ist klar, was damit gemeint ist. Denn gesprochen, Ausdruck und Intonation erarbeitet wird auf Russisch. Gesungen nicht nur. „Ungefähr ein Viertel sind deutsche Lieder“, sagt Chorleiterin Irina Dessert. Sie hat diesmal an Anastasia Suvorov abgegeben, die den Chor drei Jahre geleitet hat und aus beruflichen Gründen aufhören musste. Sie ist zur Unterstützung der diesmal elf Damen gekommen. Insgesamt sind es 15 Mitglieder. Darunter auch ein Mann.
Dabei bezieht sich der Name Iwuschka – übersetzt: Kleine Weide – auf die Romantisierung der Frau in der russischen Lyrik, in der, wie die Damen aus dem Chor wissen, viel mit Naturvergleichen gearbeitet wird.
Viele der Chormitglieder gehören zur Gruppe der Spätaussiedler, die aus der Sowjetunion oder ihren Nachfolgestaaten nach Eberswalde kamen. Frida Nikonov beispielsweise stammt aus Kasachstan und hatte dort schon als Kind in einem Chor gesungen.
Sie und andere finden im Kontakt-Verein eine Möglichkeit,  ihre Kultur weiterhin zu pflegen. „Für die russische Seele“, sagen sie. Iwuschka ist damit so etwas wie der musikalische Sprössling des Vereins. Allerdings besteht der Chor nicht allein aus Spätaussiedlern. Vera Koch beispielsweise stammt aus Thüringen, ist aber zweisprachig aufgewachsen. Magdalene Westendorf, die sich um die Organisation der Auftritte kümmert, hat in Kiew studiert. Lieder wie das russische Derewenka moja, das erste Stück der Probe am Mittwoch, sind für sie sprachlich damit ebenso unproblematisch wie das zweite Stück „Mein Schatz hat blaue Augen“.
Da zurzeit ein Begleitmusikant fehlt, kommt die instrumentale Grundlage aus dem Keyboard. Anastasia Suvorov legt Wert auf die Mimik der Damen und animiert sie in bestimmten Textpassagen zu mehr Ausdruck, was zu sichtlichem Vergnügen der Sängerinnen führt.
Für einen waschechten Iwuschka-Auftritt fehlen jetzt eigentlich nur noch die roten Trachten mit dem auffälligen Kopfschmuck – genannt Kokoschnik. Wie die Frauen verraten, sind sie der Kleidung der schönen Wassilissa aus dem gleichnamigen Märchenfilm nachempfunden.
Vor Jahren hatte der Chor, der sich 2003 gründete, noch unterschiedliche Kostüme. Nun ist bei Auftritten längst alles einheitlich. Schon damit allein erreichen die Mitglieder, im Alter zwischen 40 und 76 Jahren, in der Region hohen Wiedererkennungswert. Auf 20 bis 30 Auftritte kommt der Chor im Jahr.  Besonders zur Weihnachtszeit ist Iwuschka gefragt. „Im Dezember hatten wir schon mal 15 Auftritte“, berichtet Magdalene Westendorf. Doch das sei zu viel gewesen.
Zu Goldenen Hochzeiten und runden Geburtstagen ist Iwuschka schon gebucht worden. Häufig singen sie im Altenheim der Vivatas oder in der Gaststätte „Zum Kaiserbahnhof“ in Joachimsthal – bei russischen Abenden oder als musikalisches Bonbon, wenn Busreisende dort ankommen.
Und ein Auftritt in Russland? „Wir warten noch auf die Einladung nach Moskau“, sagt Irina Dessert und lacht. Abgeneigt wären die Chormitglieder jedenfalls nicht. Bis es so weit ist, werden sie vorerst weiterhin in Eberswalde und im Barnim singen. Zuletzt konnte man Iwuschka beim Chortreffen im Familiengarten erleben.
Die nächste Gelegenheit bietet sich heute ab 15 Uhr bei einer öffentlichen Probe in den Räumen des Kontakt-Vereins in der Havellandstraße 15.