Viele Eberswalder vermissen es: Grün und ein bisschen mehr Leben auf dem Platz vor dem Bahnhof. Seit gestern und noch für heute bedienen Pflanzen aus dem Forstbotanischen Garten, einige Topfpflanzen von Eberswaldern und Dutzende Farne den Wohlfühl-Wunsch.
Unter dem Namen Efeu-Tute kennt das Gewächs kaum jemand. Daniela Seidel, 38, bringt es am Sonntag, nach erledigtem Arbeitstag in Berlin, mit. Schon am Morgen hatte sie die Pflanze, die vor allem zu DDR-Zeiten eine der häufigsten Zimmerpflanzen war, auf dem Fahrrad hertransportiert. Nun wird die widerstandsfähige Kletterpflanze registriert. Sie soll auf dem Bahnhof übernachten, genau wie die duftende Pfefferminze, die die Eberswalderin in der Tasche hat. "Wenn jemand heißes Wasser hat, kann ich einen Tee anbieten", sagt Daniela Seidel.
Die Initiative wandelBar hatte zur Aktion Grüner Bahnhof aufgerufen. Eberswalder konnten ihre Topfpflanzen für zwei Tage in Obhut der Veranstalter geben. "Wir machen auf das Gärtnern und seine vielfältigen Möglichkeiten in Eberswalde aufmerksam", sagt Ingo Frost von der Eberswalder Energie- und Kulturwende-Initiative. "Symbolisch geht es darum, zu zeigen, dass man in kurzer Zeit etwas wandeln kann - mit vielen Menschen jedenfalls."
Der Eberswalder Landschafts- und Gartenarchitekt Andreas Timm hat die Aufgabe übernommen, die im Laufe des Nachmittags auf Wachstum angelegte grüne Insel zu gestalten. Aus der ursprünglich von den Veranstaltern entwickelten Idee einer Spirale ist eine Blüte geworden. Ihre spitzen Blätter werden nach und nach begrünt - und am Sonntagnachmittag beginnt es sogar zu blühen.
Auf die überdimensionierten Stufen, die eher als Wand unter der Bahnhofsbrücke emporwachsen, hat Timm Dutzende Farne gestellt. Das war Zufall, ein Bekannter hatte zu viele davon im Garten, erzählt der Gartenarchitekt. Symbolisch aber passten die Farne besonders gut auf das wenig einladend wirkende Gemäuer. "Sie stehen für etwas Urwüchsiges. Die Treppe hat sich dafür angeboten", sagt Andreas Timm. "Der Platz an sich ist ja ziemlich raumlos - der menschliche Maßstab fehlt."
Heidrun Rumpf, die im Leibnizviertel lebt, hat den Sonntagsspaziergang mit ihrem Partner in Richtung Bahnhof verlegt. "Weil es das erste Mal ist, ein bisschen Neugier ist dabei", sagt sie. Sie selbst hätte kein Grün mitbringen wollen. "Meine Pflanzen sind nicht so doll", außerdem habe sie sich die Aktion nicht so richtig vorstellen können, erklärt sie. Aufgeschlossen ist sie dennoch. "Von der Idee her ist das sehr schön, gerade um die Betonfläche mal zu begrünen", sagt sie. Und die 53-Jährige kann sich vorstellen, dass die Idee sich nach und nach durchsetzt. "Beim Guten Morgen Eberswalde wusste man am Anfang auch noch nicht, in welche Richtung es geht. Und jetzt kommen so viele Leute."
Ähnliche Vorstellungen hat Horst Kleiner, Vorsitzender des Kleingartenverbandes "Erlengrund". "Ich denke, das könnte eine Traditionsveranstaltung werden." Kleiner hat sich gern mit der Initiative zusammengetan und berät am Sonntag Leute, die Lust aufs Gärtnern haben. "Es geht darum, den Leuten klarzumachen: Ohne Pflanzen, ohne Biologie geht nichts mehr." Sein Blick geht aber auch noch weiter. "Ich finde es sehr mutig zu zeigen, dass hier auch mal etwas anderes passieren kann - dass man diesen Platz auch sinnvoll nutzen kann."
Bis heute Nachmittag ist der Bahnhof noch grün. Vorerst.