Das Bild zeigt ein fliegendes Haus. Eine Sechsjährige aus Afghanistan malte es während einer Sitzung bei Professor Hubertus Adam, berichtet er bei seinem Vortrag "Flüchtlingskinder - Trauma und Versöhnung" im Paul-Wunderlich-Haus. Das Mädchen stammt aus einer Familie, die seit ein paar Jahren in Deutschland lebt.
Die Familie kam zu ihm, so der Psychiater des Martin-Gropius-Krankenhauses, weil bei den Kindern trotz lang zurückliegender Flucht plötzlich psychische Probleme auftraten. Die Eltern sagten zwar, sie hätten sich eingelebt. Doch das Mädchen, das bei der Flucht ein Säugling war, zeichnete dieses Haus. "Das zeigte mir, hier ist niemand angekommen", interpretiert Adam.
Die seelischen Verletzungen von Flüchtlingskindern und ihre Heilung ist ein komplexes Thema. Das macht allein schon dieses Beispiel deutlich. Und es ist ein Thema, das momentan viele beschäftigt. Adam spricht vor einem halbvollen Saal. Zahlreiche Menschen, die beruflich mit Flüchtlingskindern zu tun haben, sind gekommen. "Es gab eine Zeit, da kamen nur zwei", merkt Adam an. Er beschäftigt sich seit 25 Jahren mit Kindern, die von Krieg und Flucht traumatisiert sind.
"Laut Unicef sind in Deutschland 40 Prozent der Flüchtlinge Kinder", so der Psychiater. Welche psychischen Probleme das Erlebte bei ihnen auslöst, hänge stark von zwei Faktoren ab: Zum einen von ihrer Entwicklungsstufe. Zum anderen von ihrer individuellen Veranlagung. "Ein Säugling wird nicht auf den Bombenangriff selbst reagieren, sondern auf das Verhalten seiner Mutter, die schreiend mit ihm davonläuft", erklärt Adam. Ein Jugendlicher wiederum könne selbst einschätzen, dass er sich in einer lebensgefährlichen Situation befinde.
Bei der Befragung von fast 200 Kindern hätte etwa die Hälfte angegeben, dass ihr Zuhause von Bomben oder Granaten zerstört oder beschädigt wurde, berichtet Adam. 42 Prozent hätten beobachtet, wie jemand getötet oder schwer verletzt wurde. Rund die Hälfte hätte bestätigt, dass ein von ihnen geliebter Mensch schwer verletzt wurde.
Erlebnisse wie diese gingen nicht spurlos an einem Menschen vorüber, so Adam. Ein Trauma liege vor, wenn sich jemand einer Situation hilflos ausgeliefert sehe und sein Selbst- und Weltbild dadurch dauerhaft erschüttert wird. Manchmal würden die Symptome erst später auftreten, wie bei dem afghanischen Flüchtlingsmädchen.
"Jeder reagiert anders auf eine traumatische Erfahrung", erklärt der Arzt. Manche Kinder würden ihre Traumata durch Überanpassung verstecken, andere zögen sich von der Außenwelt zurück, wieder andere erbrächten schlechte schulische Leistungen. Zudem könnten Ängste und Suizidgedanken auftreten. "Da heißt es, sich die Kinder und Jugendlichen genau anzugucken."
In seinen Sitzungen habe er erlebt, dass es Besonderheiten im Umgang mit Flüchtlingskindern gebe. Manchmal käme die ganze Familie zur Behandlung mit. Zudem sei die Verständigung oft eine Herausforderung. Seelische Beschwerden könnten in anderen Kulturkreisen anders bezeichnet werden. Dazu komme, dass die Gespräche über den Dolmetscher laufen.
Bei der Heilung spiele die Versöhnung eine ausschlaggebende Rolle. Seine kleinen Patienten würden bei ihm lernen, sich und anderen zu verzeihen. Als Beispiel nennt Adam die Geschichte eines neunjährigen Flüchtlingsjungen, der von der miterlebten Vergewaltigung seiner Mutter traumatisiert war. Der Junge war sauer auf sich selbst, so Adam, weil er ihr nicht helfen konnte. Aber auch sauer auf seine Mutter, weil sie ihn an diesem Tag nicht zu Hause gelassen hatte.
Wer Hilfe bei dem Umgang mit einem traumatisierten Kind benötigt, kann sich unter 03334 53701 melden. Die Gesellschaft für Leben und Gesundheit (GLG) hat psychiatrische Institutsambulanzen für Kinder und Jugendliche in Bernau, Prenzlau und Eberswalde.