Ein Ort der Stille an einem Ort der Stille. Ein Auftrag, der auf den ersten Blick so gar keinen Praxisbezug hat. Seit Jahrzehnten werden in Deutschland keine Kartausen mehr gebaut. Die letzte entstand Anfang/Mitte der 1960er-Jahre in Bad Wurzach (Baden-Württemberg). Sie ist überhaupt die letzte noch bestehende, aktive Kartause bundesweit. Genau das aber war der Auftrag für die Architekturstudenten der TU Berlin: eine moderne Kartause zu entwerfen. Ein Kloster für den Kartäuserorden auf Pehlitzwerder, also am Parsteiner See. Wie könnte er aussehen, ein Ort der Stille, der Kontemplation im 21. Jahrhundert?
Die Ergebnisse überraschen. 20 Entwürfe und Modelle sind im Rahmen des Wintersemesters 2014/15 entstanden. Neun sind zunächst im Kapitelsaal ausgestellt. Entwürfe, die sich trotz der recht festen "Struktur" eines Klosters und der klaren Regeln des Ordens durch eine ganz unterschiedliche Gestaltung auszeichnen.
Dozent Guido Neubeck gestand bei der Eröffnung der Ausstellung, dass er anfangs schon etwas skeptisch ob der Aufgabe war. Einen Sakralbau, ein Kloster im protestantischen Berlin-Brandenburg zu planen? Zunächst, so räumte Neubeck ein, gab es in der Tat "ein großes Misstrauen". Aber offenbar auch eine große Neugier. Immerhin entschieden sich am Ende 50 von 120 Studenten für dieses Thema. Und nahmen es voller Elan in Angriff.
So ganz aus der Zeit gefallen sei das Thema allerdings nicht, befand der Dozent. Mit seinem Kloster "kreierte" der im 10./11. Jahrhundert gegründete Kartäuserorden immerhin eine "revolutionäre Wohnform", die dem Prinzip "gemeinsam einsam" folgte. Neubeck wie auch seine Studenten sehen durchaus Parallelen zum Heute, zum modernen Wohnungsbau, wo es etwa darum geht, viele Menschen auf relativ engem Raum "unterzubringen" oder das Verhältnis von Privatsphäre und Öffentlichkeit, von Individualität und Gemeinschaft zu definieren.
Und warum Pehlitzwerder? Orte, an denen Klöster errichtet werden, bedürfen einer besonderen Qualität, einer besonderen Topographie. Erst recht bei den Kartäusern. Es seien Orte der Abgeschiedenheit und gleichzeitig Orte, die einen besonderen natürlichen Zauber haben. Auf seiner Suche nach einem solchen Ort in Brandenburg sei er auf diese Reste von Kloster Mariensee, dem Vorläufer von Kloster Chorin, auf Pehlitzwerder gestoßen, berichtete Neubeck. Und trotz des heute dort ansässigen Campingplatzes befand er genau diesen Ort für geeignet.
Von der Magie des Ortes habe man sich inspirieren lassen, erzählte Studentin Laura Ball. "Wir haben uns mit unserer Kartause in eine Bucht gelegt", so die aus Österreich stammende, angehende Architektin. Das Kloster gewissermaßen um diese Bucht herum geplant. Eine Arbeit umfasst jeweils drei Modelle: einen "städtebaulichen Entwurf" (das Einfügen der Anlage in den Ort), die Kartause, das Kloster selbst mit "Zellentrakt", Kirche, Kapitelsaal, Bibliothek und Wirtschaftsbereich sowie die Zelle eines Mönchs, die Einsiedelei.
"Eigentlich ging uns die Arbeit sehr leicht von der Hand", sagte Ball, die zusammen mit Hans Walter gearbeitet hat. "Es ist unser bislang philosophischster Entwurf." Denn man habe sich nicht mit Fragen etwa des Brandschutzes befassen müssen, sondern mit Fragen wie: Was ist Bescheidenheit? Was ist Einsamkeit? Was ist Stille? Ball zeigte sich selbst erstaunt, wie verschieden, wie vielfältig die Entwürfe ausgefallen sind. "Eine Gruppe ist beispielsweise mit ihrer Planung in die Erde gegangen", zeigte sie. Mal muten die Zellen der Mönche wie Einfamilienhäuser im Bauhausstil an, wie puristische Eigenheime, mal kommen sie etwas "verspielter" von der Form daher. Während der Ausstellung werde man die Exponate deshalb "wechseln".
Pfarrer Andreas Lorenz war ebenfalls verblüfft ob der Vielfalt und der gestalterischen Umsetzung. Orte der Abgeschiedenheit, aber voller Inspiration. Und keineswegs weltfremd. Im Gegenteil. In Vietnam beispielsweise, so Lorenz, würden noch Zisterzienserklöster entstehen.
Ausstellung "Einsiedelei" bis 15. Juni im Kloster Chorin; sonnabends sind jeweils Studenten der TU Berlin vor Ort und geben Auskunft; am 17. Mai, 14 Uhr, findet zudem ein Symposium zum Thema statt.