Noch schnell zum Frisör, Kanapees vorbereiten oder den Sekt kühl stellen - und schon kann sie steigen, die Silvesterparty. Doch längst nicht alle Barnimer lassen das alte Jahr feucht-fröhlich ausklingen. Einige müssen heute Abend Dienst schieben - ob im Krankenhaus, bei der Feuerwehr oder als Chauffeur.
"Meine Frau und ich - wir sind ohnehin nicht die Partygänger", sagt Axel Boehlke. Der 47-jährige Fahrer hat die Jahresendschicht bei der Barnimer Busgesellschaft (BBG) "gewonnen". Um 21.45 Uhr ab Ostend zum Kleinen Stern und übers Brandenburgische Viertel zurück auf den Betriebshof der BBG in Nord-end - das ist die allerletzte Tour 2011. "Ich habe mich freiwillig für den Dienst gemeldet", ergänzt Boehlke sogleich. Schon Heiligabend habe er am Steuer des Obusses verbracht. "An Feiertagen sind die Leute einfach besser drauf. Gerade Weihnachten oder eben Silvester macht das Busfahren richtig Spaß", begründet der frühere Fahrschullehrer seinen Einsatz. Vor zwei Jahren war er ins Unternehmen, wo er einst Kfz-Schlosser gelernt hat, zurückgekehrt.
Die Barnimer Busgesellschaft und deren Tochter VSG beschäftigen im Raum Eberswalde/Bad Freienwalde insgesamt 100 Fahrer. Davon müssen 18 Silvester und 17 Neujahr arbeiten. "Vor den Feiertagen hängen wir im Unternehmen Listen aus. Dort können sich die Kollegen selbst für die Dienste eintragen", erklärt Siegbert Müller, Betriebshofleiter für den Bereich Eberswalde/Bad Freienwalde. Dieses System werde seit Jahren praktiziert und es habe sich bewährt. Noch nie sei eine Schicht unbesetzt geblieben, so dass ein Fahrer zwangsweise verpflichtet werden musste.
"Das klären wir schon untereinander", bestätigt Axel Boehlke. Fahrer mit kleineren Kindern hätten bei der Diensteinteilung gewissermaßen Vorrang, müssten nicht unbedingt Weihnachten ran. Seine eigene Tochter sei schon groß. "Sie studiert." Und die Frau habe Verständnis. "Früher hatte ich mitunter viel ungünstigere Arbeitszeiten", erinnert sich Boehlke an seine Fahrlehrer-Zeit und die vielen Nachtfahrten. "Und da wird auch niemand krank", fügt Siegbert Müller hinzu. Sollte dennoch mal ein Fahrer ausfallen, gebe es eine Reserve, einen Bereitschaftsdienst.
Neben Axel Boehlke sitzt heute Nachmittag und Abend Philipp Arndt hinterm Obus-Steuer. "Ich fange mit der Nordend-Route an, mein Kollege auf der OstendLinie. Später wird gewechselt", erklärt Boehlke. Ob er eine Lieblingsstrecke hat? "Nein, ich mag die Abwechslung", so der 47-jährige Eberwalder, der schon als Kind gern Obus gefahren ist. "Und zwar im Anhänger - mit den ,Einarmigen Banditen', den Zahlboxen."
Jetzt fährt er sie selbst. "Die Obusse heute sind natürlich viel moderner." Im vorigen und in diesem Jahr hat die BBG gerade neun neue Fahrzeuge auf die Straße gestellt - die neueste Obus-Generation. 2012 folgen die letzten drei. Dann ist die Flotte komplett. Das Cockpit gleiche fast dem eines Flugzeuges, sagt Boehlke. Und er muss es wissen. Denn in seiner Freizeit hebt er ab. Im wahrsten Sinne des Wortes. Boehlke ist Hobbypilot, fliegt nach Feierabend oder am Wochenende mit einer Cessna oder einer Piper über dem Barnim. Den nächsten Urlaub verbringt er indes ganz bodenständig. Im Februar - mit dem Umzug nach Senftenhütte.
Bis dahin legt Axel Boehlke aber noch etliche Kilometer auf den Eberswalder Straßen zurück. Wenn er heute heimkommt, "werde ich mit meiner Frau ganz ruhig aufs neue Jahr anstoßen", sagt er. Am Sonntag habe er frei.
Zwischen 22 Uhr und 1 Uhr sei "Betriebsruhe" bei der BBG, erklärt Siegbert Müller. Ab 1 Uhr gelte am morgigen Neujahrstag ein Sonderfahrplan bis zum frühen Morgen. Uwe Deter hat diese erste Schicht 2012 übernommen. "Wir passen den Fahrplan dem Bedarf an", versichert Müller.
Angst vor allzu lustigen oder gar übermütigen Fahrgästen hat Axel Boehlke nicht. Auch wenn man Silvester vor Überraschungen nie ganz sicher sein kann. "Voriges Jahr stand mal eine Gruppe Jugendlicher vor meinem Bus", erzählt Boehlke. Mit etwas Humor gelinge es zumeist, die Situation aufzulösen.
Ungeachtet dessen sichert die BBG vor Silvester stets die Fahrkartenautomaten. Der Schaden durch Raketen oder Böller wäre einfach zu groß, heißt es aus dem Unternehmen.
Informationen zu den Fahrplänen über den Jahreswechsel unter www.bbg-eberswalde.de