Kaum größer als eine Federtasche ist die fuchsiafarbene runde Box, die Claudia Neumayer auf den Tisch gestellt hat. Aber sie bringt Power: Satte orientalische Klänge erfüllen den Raum. "Jetzt stellt ihr euch mal vor, was ihr loswerden wollt - Schmerzen, Lähmungen, doofe Gedanken", ruft sie den rund 20 Menschen im Raum zu. "Alles abstreichen und raus damit, zur Tür! Und dann so viele Körperteile bewegen, wie ihr schafft."
Das sind bei manchen so einige. Schon die Erwärmung in der Tanztherapiestunde sorgt für Heiterkeit in der Runde - in der Frauen und Männer mit Parkinson, Multipler Sklerose, nach Schlaganfall oder Krebs und anderen schweren Erkrankungen gleichermaßen auf ihre Kosten kommen. Später folgt ein Walzer im Kreis, bei dem erst die Beine, dann die Arme und anschließend die Knie geschwungen werden. Danach imitieren die Teilnehmer zu einem afrikanischen Kindertanz die Bewegungen exotischer Tiere. "Heute machen wir eher was Lustiges zum Lockerwerden", sagt Neumayer.
An dem Donnerstag treffen sich ausnahmsweise alle auf einmal. Ein Grill- und Tanzfest ist angesetzt. Danach geht der Tanztherapiekurs in die Sommerpause. Für gewöhnlich ist die monatliche Bewegungseinheit in drei Kurse aufgeteilt: "Eine Handicapgruppe mit Assistenz, eine ohne Begleitung und eine fortgeschrittene Gruppe", erläutert Petra May, die die Kontakt- und Beratungsstelle der Selbsthilfegruppen in Eberswalde leitet. "Wir berücksichtigen die Krankheitsgrade."
Selbstverständlich ist es nicht, dass es den Kurs gibt. "Es hat zwei Jahre gedauert, das zu erreichen", sagt Karin Zielke, die die Parkinson-Selbsthilfegruppe leitet. Schon mehrfach hatte die selbst erkrankte 55-Jährige gehört, wie Tanzen die Parkinson-Symptomatik - Bewegungsstörungen, Zittern, Gliedersteifheit - positiv beeinflussen soll. "Glauben konnte ich das nicht", sagt sie. Ein Schnupperkurs, den Therapeutin Neumayer vor zwei Jahren für Parkinsonkranke in Bernau gab, war dann aber ein Schlüsselerlebnis. "Da sind Leute, die fest im Rollstuhl sitzen, aufgestanden und haben sich im Takt der Musik bewegt - ein Riesenerfolg." Vor allem die Freude, die das Tanzen bei den anderen ausgelöst hat, habe sie bewegt.
Petra May, die Beraterin der Selbsthilfegruppen, war schnell überzeugt von der Idee der Tanztherapie. Geld für die Honorarkosten akquirierte sie bei der AOK Nordost. Den Raum stellte der Behindertenverband zur Verfügung und Teilnehmer fand May in mehreren Selbsthilfegruppen. Seither treffen sich, zunächst für ein Jahr, an jedem dritten Donnerstag im Monat insgesamt etwa 25 Leute, unter ihnen mehr Frauen, die meisten Mitte 50 und älter, zum Tanzen.
"Das macht viel Spaß", sagt Karin Welfert (71), die nach einer Laseroperation fast erblindet ist. "Vorher konnte ich nicht tanzen, aber ich möchte für immer mitmachen." Gabriela Krause (57)von der Frauenselbsthilfe nach Krebs nimmt mit ihrer geistig behinderten Tochter teil. "Tanzen ist für den ganzen Körper gut", sagt sie. "Auch das Gehirn wird auf Achse gebracht." Die an Parkinson erkrankte Gerlinde Losinski (78) war vom ersten Kurs an begeistert: "Ich kann mich selber gar nicht gut bewegen, aber ich hatte keine Schmerzen mehr."
Claudia Neumayer, die aus Berlin anreist, hat lange als Physiotherapeutin mit einem Faible für Standardtanz und Latein mit Parkinson-Kranken gute Erfahrungen in der Tanztherapie gemacht. Als inzwischen ausgebildete Tanztherapeutin weiß sie, dass die Bewegung auch bei vielen anderen Erkrankungen gut tut. "Bei vielen geht Tanzen besser als Laufen", sagt sie. Ihr Motto: "Tanzen kann jeder".
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