In Jogginghose, Turnschuhen, schwarzem T-Shirt, grauer Strickjacke. – Silberkette, Sonnenbrille, Glitzerstein im linken Ohr, unverkennbar, er ist es wirklich. Star-Organist Cameron Carpenter. Ganz unprätentiös. Offensichtlich eine kurze Verschnaufpause. Die erste Station dieser letzten Station seiner Deutschland-Tour hat der 39-jährige Musiker absolviert. Am Morgen auf dem Drachenkopf. Ja, er sei das erste Mal in Eberswalde, bestätigt er, als wir ihn ansprechen.
Carpenters Techniker Ingo Schreiber und Henning Tute bereiten auf dem Lkw derweil alles für den genau 70. Auftritt der Fenster-Konzert-Reihe vor. Kurzer Soundcheck an der Orgel. Die letzten Einstellungen. Kai Jahns, Geschäftsführer der Bürgerstiftung Uckermark-Barnim, und Mitarbeiter von Camilla, tragen Stühle raus. Die Bewohner und die Gäste der Tagespflege essen drinnen Mittag. Eine halbe Stunde früher als sonst. Wegen des Konzerts. "Sie sind schon ganz aufgeregt", verrät Pflegehelferin Jessika Benz.

Nominierung für Grammy

Wenige Minuten später betritt der Grammy-nominierte Künstler die Bühne, setzt sich an die digitale Orgel – und zieht (fast) alle Register seines Könnens. Goldberg-Variationen von Bach. Die Senioren, in Decken gehüllt, lauschen der Musik. Oder verfolgen sie vom Balkon aus. "Das ist eine wunderbare Idee", findet Hildegard Groth (89), die in einem der Appartements am Eisenhammer 2 wohnt. Sie liebe klassische Musik, sei 30 Jahre nach Chorin zum Musiksommer gefahren.
Seit 30. Juni ist Cameron Carpenter mit dem Lkw und der mobilen Orgel in Deutschland unterwegs. Um vor allem Bewohnern von Senioren- und Behindertenheimen mit Mini-Konzerten unter dem Motto "All you need is Bach" (Alles, was du brauchst, ist Bach) in Zeiten von Corona Freude zu schenken. Insgesamt 40 Konzerte innerhalb von acht Tagen (und zuvor schon gut 30 Konzerte an vier Tagen in Berlin) – ist das nicht stressig? "Nicht mehr als sonst", sagt Carpenter hinterher. Im Gegenteil. Es mache ihm selbst viel Freude und Spaß. Seine regulären Konzerte, mit denen der Ausnahmemusiker Säle füllt, hätten natürlich auch einen kommerziellen Charakter. Bei dieser Tournee stehe der soziale Aspekt im Vordergrund. Keine Show, kein Glamour, wie Carpenter, der eigentlich als eher exzentrischer Künstler gilt, sagt. "Die Menschen, für die ich hier spiele, können schon in normalen Zeiten nicht ins Konzert gehen. Unter Corona leiden sie besonders und verdienen definitiv ein kleines Extra", erklärt der Meister seines Fachs. "Ich genieße es, auf dem Lkw unter freiem Himmel zu spielen und Bachs Musik mit diesen Menschen zu teilen." Bach, das sei Allgemeingut. Gibt es im Echo einen Unterschied? "Nein, die Musik ist dieselbe. Und die Resonanz auch."
Wobei: Einen kleinen Unterschied habe die Crew auf der Tournee schon erfahren, erzählt Ulrike Reichart, Leiterin des Bündnisses der Bürgerstiftungen Deutschland, Koordinator der Tour, am Rande. Als Carpenter in Schaumburg vor einem Behindertenheim auftrat, "das war schon sehr emotional". Eben weil es eine "so direkte und unmittelbare" Resonanz durch die Zuhörer und Zuschauer gab.
Unterdessen sind am Eisenhammer einige neugierige Passanten stehen geblieben. Unter den Hörern auch die Stadtverordnete Katja Lösche. "Ich wohne und arbeite um die Ecke. Ich habe die Musik gehört und bin spontan raus", zeigt sie sich überrascht und zugleich begeistert. Die konkreten Auftrittsorte werden jeweils geheim gehalten, um größere Ansammlungen zu vermeiden. Cameron spielt sozusagen exclusiv und gratis für die Heimbewohner. "Das muss ein großer Künstler sein", stellt Ursula Pagels aus der Tagespflege am Ende fest. "Das war sehr schön", so die 88-jährige Eberswalderin.

Stadt fördert Projekt

Dem kann Eberswaldes Vize-Bürgermeisterin, ebenfalls im Publikum, nur beipflichten. "Musik vor die Haustüren oder vor die Fenster zu bringen, ist eine tolle Idee." Deshalb habe die Stadt das Projekt auch gern gefördert. Jede Station mit fünf Auftritten würde Kosten von etwa 6000 Euro verursachen. "Wir haben mit 4500 Euro unterstützt", so Fellner. Den Rest steuere die Bürgerstiftung bei. Es sei wichtig zu zeigen, dass es für die Kultur ein Weiter gibt. Wobei Kultur auch neue Wege finden müsse. Carpenters Fenster-Konzerte seien dafür ein hervorragendes Beispiel. Und: "Ich selbst liebe Orgel-Musik. Ich habe Sie schon an der großen Schuke-Orgel in der Berliner Philharmonie erlebt", lässt die Vize-Bürgermeisterin den gebürtigen Amerikaner wissen. Der wiederum zeigt sich dankbar für die Möglichkeit, in Zeiten der Pandemie auftreten zu dürfen. Weshalb er das Engagement der Bürgerstiftungen lobt.
Zwei Mini-Konzerte später stoppt der Lkw ein letztes Mal: am Abend im Park am Weidendamm. Großes, öffentliches Finale in Eberswalde und gleichsam Abschluss der ungewöhnlichen Tournee. Carpenter "dreht" noch mal so richtig "auf".

Als erster Organist für den Grammy nominiert


Cameron Carpenter ist 1981 in Pennsylvania geboren. Zunächst wurde er von seiner Mutter unterrichtet. Bereits mit elf Jahren beeindruckte der Junge mit einer vollständigen Aufführung von Bachs "Wohltemperiertem Klavier". Es folgte ein Studium an der renommierten Juilliard School in New York. 2012 wurde Carpenter, der jetzt in Berlin lebt, mit dem Leonard-Bernstein-Award ausgezeichnet. 2015 erhielt er den Klassik Echo als Instrumentalist des Jahres. Für sein Album "Revolutionary" wurde er für den Grammy nominiert. red