22 Tonnen schwer und 16 Meter lang ist das Betonsegment, das von Stahlseilen gesichert am Harken eines Krans herabschwebt. In der Kabine der Baumaschine sitzt Mario Zerbe, der für die Berliner Firma Mobi-Hub arbeitet und sich auch durch die 250 Gäste der Zeremonie nicht aus der Ruhe bringen lässt.
Während die letzte Lücke des Kunstwerks geschlossen wird, faltet Diana Sandler aus Bernau die Hände zum stillen Gebet. Die Vorsitzende der 400 Mitglieder zählenden, vor allem von Aussiedlern aus der früheren Sowjetunion gebildeten Jüdischen Gemeinde Barnim ist von Trauer über den Vernichtungsfeldzug gegen die Juden und von Dankbarkeit über die Eberswalder Initiative erfüllt, die das geschehene Unrecht thematisiert.
Mehrere Minuten dauert es, das Mauerteil einzupassen. So lange nur noch sind Blicke in das Innere der Skulptur möglich, die von den Künstlern Horst Hoheisel aus Ravensburg und Andreas Knitz aus Kassel entworfen wurde. Ihre Baumsynagoge auf den Fundamentresten des am 9. November 1938 gebrandschatzten jüdischen Gotteshauses symbolisiert, angelegt ohne Türen und Fenster, nach dem letzten Akt der Montage Unzugänglichkeit. Zehn noch winzige Linden, gepflanzt von allen Festrednern, werden fortan im Inneren ungestört gen Himmel wachsen. Eine elfte Linde ragt bereits über die 2,50 Meter hohe Mauer hervor.
Es ist Pfarrer Martin Appel von der evangelischen Kirche in Finow, der für den ökumenischen Arbeitskreis Eberswalde mit seiner Schlussandacht die Zeremonie einordnet, deren Augenzeugen das Gesehene so schnell nicht mehr vergessen werden. "Die Skulptur ist geschlossen, aber sie ist nicht zu", sagt der Gemeindepädagoge. Das Kunstwerk sei offen nach oben - zum Himmel hin. Sie sei nicht nur offen zum Himmel, sondern auch zu Gott hin, an den die jüdischen Geschwister ebenso glauben würden wie die Christen - dem Gott, der Kraft schenken wolle zu Gerechtigkeit und Dialog.
Zuvor hatte bereits Horst Hoheisel, einer der beiden geistigen Väter der Baumsynagoge, eine Deutung versucht. "Der nahezu leere Innenraum der Skulptur steht für die Anwesenheit von Abwesenheit", argumentierte er. Die Pogromnacht vor 74 Jahren habe überall in Deutschland und auch in Eberswalde den Beginn der systematischen Vernichtung von Juden allein ihres Glaubens wegens bedeutet. Sein Vater habe in Eberswalde Forstwissenschaften studiert und sei dabei auch von jüdischen Professoren unterrichtet worden, sagte der Künstler.
Nicht nur die Vertreibung dieser Gelehrten habe Eberswalde ärmer gemacht.
Nahezu alle Festredner, vom Landtagspräsidenten Gunter Fritzsch über Peter Fischer, einst Mitglied im Zentralrat der Juden, bis Landrat Bodo Ihrke, hatten in ihren Ansprachen vor dem Mauer-Schluss das bürgerschaftliche Engagement hervorgehoben, das zu der Neugestaltung des Areals geführt habe, auf dem bis vor kurzen Garagen der Polizei und Baracken der Hochschule standen.
Die Sprecher der vor fünf Jahren gebildeten Bürgerintitiative 9. November, Ex-Sparkassen-Vorstand Josef Keil und Brigitta Heine, die Leiterin des Kreisarchivs, waren voller Dank, dass die Eberswalder Rathaus-Spitze, allen voran Bürgermeister Friedhelm Boginski, und die Stadtverordneten ihre Idee aufgegriffen und mit viel Einsatz weiterentwickelt hätten.
Endlich steht die Baumsynagoge und alle Worte sind gesagt. Pfarrer Martin Appel stimmt den Kanon "Nobis Pacem" an - und die komplette Festgesellschaft wird zum dreistimmigen Chor. Im Anschluss üben die ersten Eberswalder Kunstkritik.
Die Urteile über die Skulptur reichen von "gewöhnungsbedürftig", über "filigraner als befürchtet" bis "ganz große Klasse".