"Die Situation der Tagespflege in Brandenburg ist katastrophal", bringt es Kristy Augustin, CDU-Abgeordnete im Landtag Brandenburg auf den Punkt. Obwohl der Markt durch fehlende Krippenplätze da ist, würden immer mehr Tagesmütter aufgeben.
Im gesamten Landkreis Barnim arbeiten momentan lediglich 72 Tagesmütter und -väter. In einigen Städten, wie etwa Joachimsthal gibt es keine einzige. Nach Recherchen der MOZ sind fast alle Tagesmütter im Kreis ausgelastet, Eltern finden in vielen Orten keine freien Kapazitäten. Dass die Zahl der Tagesmütter angesichts zunehmend knapper werdender Krippenplätze nicht steigt, erklärt sich Heiko Krause, stellvertretender Vorsitzender des Verbands für Kindertagespflege in Brandenburg mit den schlechten Rahmenbedingungen. Die Bezahlung sei noch immer schlecht. Sie setzt sich aus dem Betrag für die Betreuung, einer Pauschale für Sachkosten und Zuschuss für Versicherungen zusammen.
Die in Barnim geltende Verordnung gesteht jeder Tagesmutter etwa 380 Euro monatlich pro Kind zu. Maximal fünf Kinder dürfen betreut werden. Zieht man sämtliche Kosten, Miete, Strom, Essen und Materialien für die Kinder ab, bleibe kaum noch etwas übrig.
"Ohne Partner, der einen finanziell unter die Arme greift, ist der Lebensunterhalt kaum zu bestreiten", bestätigt Sandra Witte, Tagesmutter in Lichterfelde. Sie müsse als Selbstständige immer schauen, dass sie möglichst mit fünf Kindern voll ausgelastet ist.
Aus Sicht des Jugendamtes des Landkreises werden die Tagesmütter ausreichend bezahlt. Es wird hinter vorgehaltener Hand allerdings kolportiert, dass dem Jugendamt die Kosten für die Tagesmütter ein Dorn im Auge seien und an der Zulassung weiterer Tagespflegekräfte wenig Interesse besteht.
Offiziell wird das nicht bestätigt, sondern betont, was im Gesetz steht: "Tagespflege ist ein gleichwertiges Kinderbetreuungsangebot wie Kita".
Gerade bei Betrachtung der Kosten dürften Äpfel nicht mit Birnen verglichen werden, warnt die Verbandschefin für Tagesmütter in Brandenburg Ingrid Pliske-Winter. Die Personalkosten für Erzieher in Krippen könnten nicht mit den Zuwendungen für Tagesmütter gleichgesetzt werden. Die Vollkostenrechnung müsste auch die laufende Kosten für den Krippenbetrieb einbeziehen.
Auch Doreen Bolduan-Domrich, Tagesmutter aus Finow, ist mit der aktuellen Situation nicht glücklich: "Auf politischer Ebene werden wir nicht geschätzt". Kristy Augustin bestätigt diesen Eindruck des stiefmütterlichen Verhaltens des Landkreises: "Der Berufszweig hat keine politische Priorität, alles fokussiert sich auf die Kindertagesstätten." Tagesmüttern würden viele Steine in den Weg gelegt, meint auch Krause. Meistens würden Tagesmütter nur als vorübergehende Notlösung betrachtet bis ein Kitaplatz frei ist. Das führe am Ende dazu, dass die Attraktivität des Berufszweig bescheiden bleibt.
Um Eltern aber ein echtes Wahlrecht bei der Betreuung ihrer Kinder zu geben, müsse sich von Seiten der Politik etwas ändern. Aus der Sicht des Landesverbands sollte in erster Linie eine höhere und verlässliche Vergütung geschaffen werden, so Heiko Krause. Nur so werde der Berufsstand attraktiv. Des Weiteren müsse es funktionierende Vertretungspläne bei Krankheit geben.
Laut Gesetz hat das Jugendamt die Pflicht diese zu schaffen. Doch hier werde die Verantwortung einfach vom Tisch gewischt und die Eltern stehen damit allein im Regen, so der stellvertretende Verbandsvorsitzende.