Die Geschichten ähneln einander, sind aber immer wieder faszinierend. Ein Paar entscheidet sich mit dem Ruhestand auf dem Wasser zu leben, reist im bewohnbaren Kanalboot durch Europa und landet irgendwann auf dem Finowkanal.
Vor zwei Jahren schon hatten David Alder und Carol Greenwood die Wasserstraße durch Eberswalde als Winterquartier für sich entdeckt, ein Jahr später kamen die Skandinavier Nils und Torild Pihlblad hinzu. Die internationale Gemeinschaft am Marina Park an der Alten Badeanstalt wächst. Nun haben Mike und Rosaleen Miller, 75 und 67 Jahre alt, in der Waldstadt angelegt. Sie stammen aus Wexford in Irland, leben seit 2005 auf ihrem Boot Aquarelle. "Es hat sechs Jahres gebraucht, um es zu bauen und nochmal so lange einen Namen zu finden", sagt Mike.
Aquarelle ist im Garten des Computeringenieurs im Ruhestand entstanden. Seit 1998 hat er daran gebaut, vorher lange geplant, sich belesen, Rat eingeholt. "Das liegt ihm im Blut. Er ist auf einer Farm aufgewachsen, hat viel an Traktoren geschraubt", sagt Rosaleen, die vor der Rente Fremdsprachen unterrichtete. Mikes Vater habe bereits ein Holzboot gebaut. Der drahtige Ire selbst aber hat nicht nur einen schwimmenden Untersatz konstruiert, sondern ein neues Zuhause. Unter Deck ein Wohnbereich mit Polstermöbeln, Kaminofen, Bücherregal und Fernsehschrank, ein Büro mit herunterklappbarem Doppelbett im Bug, auf der Heckseite ein zweites Schlafzimmer, dort versteckt hinter einer Tür Toilette mit Nasszelle. Die Küche befindet sich eine Stufe höher auf der Brücke. Steuern lässt sich das Boot dort und vom Oberdeck.
So lange es geht
Drei erwachsene Kinder mit Familien haben die beiden Iren auf der Grünen Insel. Die würden sie nun nicht mehr so oft sehen. Das sei ein Nachteil. Trotzdem haben sie sich für ihr neues Leben entschieden und wollen so lange es gesundheitlich geht, auf dem Wasser wohnen. Ihr Haus in Irland haben sie verkauft, eine Postadresse bei der  Tochter in Dublin. "Er kann nicht stillsitzen und ich wollte reisen", erklärt Rosaleen den Entschluss. Bereut haben sie es nicht, auch wann das Wetter nicht immer sonnig sei.
Erkundet hat das Paar vor allem die Kanäle Frankreichs. Dort habe  der Bootstourismus – gerade viele Briten seien dort unterwegs – dazu geführt, dass in die Wasserstraßen investiert wurde. Die Niederlande und Belgien haben die Iren ebenfalls bereist und sind mit ihrem Boot bis nach Serbien geschippert. Die Genehmigungen, um dort zu fahren, hätten viel Papierkram bedeutet, doch schwärmen beide von der Hilfsbereitschaft und der Begegnung mit den Menschen.
Vom Finowkanal aus wollte das Paar eigentlich nach Polen. Mike ist Mitglied im Leitungsstab von Inland Waterways International, der vom Oberbürgermeister von Bydgoszcz zur Teilnahme am dortigen Wasserfestival eingeladen wurde. Aufgrund einer defekten Schleuse in Polen müssen sie nun den Zug nehmen.
Dass alle Schleusen des Finowkanals funktionieren, hat die Iren bei ihrer Ankunft in dieser Woche überrascht. Die Kanalinfrastruktur in Deutschland sei aus Mikes Sicht besser als in Frankreich. Und auch vom Kanal selbst schwärmen die beiden. "Ihr habt einen wunderschönen Kanal hier. Ihr müsst ihn promoten", sagt Mike. Gut möglich, dass die internationale Gemeinschaft dann weiter wächst.