Eine Stadt, zwei Bahnhöfe. Und größer könnte der Unterschied zwischen diesen kaum sein. Auf der einen Seite ein frisch saniertes Haus in historischem Ambiente, auf der anderen Seite ein dem Verfall preisgegebenes Objekt. Hier ein Bahnhof, der an diesem Wochenende wieder Paare zum Heiraten einlädt, dort ein Bahnhof, den Reisende möglichst schnell hinter sich lassen wollen.
Ein Zustand, den die Stadtverordneten von Joachimsthal nicht länger dulden wollen. In einem Schreiben an die Deutsche Bahn reklamieren sie deshalb die Verhältnisse am Bahnhof Joachimsthal. Unkraut, das zwischen den Gleisen aus dem Bett schießt, eingeschlagene Fensterscheiben im Gebäude, verschmierte und bröckelnde Fassaden, eine versiffte Empfangshalle ...
Dieser "Zustand der Verwahrlosung" sei nicht mehr hinnehmbar, verlas Bürgermeisterin Gerlinde Schneider während der jüngsten Parlamentssitzung den Brief. Die lokalen Akteure kämpfen um den Erhalt der Strecke Eberswalde - Joachimsthal und um eine höhere Attraktivität des Bahnfahrens. Dazu würden auch ansehnliche Bahnhöfe gehören, argumentieren die Schorfheidestädter. So - wie im Fall des Bahnhofsgebäudes Joachimsthal - könne "man Bahn nicht verkaufen", machen die Joachimsthaler ihrem Unmut deutlich Luft. Das Unternehmen Bahn könne nicht einerseits Gewinne in Millionen-Höhe einstreichen, und andererseits sei angeblich für die Unterhaltung oder Sanierung eines kleines Bahnhofes kein Geld da. Die Abgeordneten fordern das Unternehmen auf, innerhalb von drei Wochen bei einem gemeinsamen Vor-Ort-Termin Lösungsmöglichkeiten darzulegen. Dem Schreiben ist eine Fotodokumentation beigelegt. Bilder, die das ganze Elend offenbaren.
Ein Sprecher der Deutschen Bahn AG erklärte gestern auf Anfrage der MOZ, dass das Empfangsgebäude an der Station Joachimsthal für die DB AG "nicht mehr betriebsnotwendig" ist und daher verkauft werden soll. Die Bahn sorge für einen "verkehrssicheren Zustand" und für das Beseitigen von Schmierereien. Mehr sei "wirtschaftlich nicht vertretbar". Voraussichtlich noch im Juli soll es einen Vor-Ort-Termin mit der Bürgermeisterin geben, so der Bahn-Sprecher.
Den heutigen Kaiserbahnhof, den zweiten Joachimsthaler Bahnhof, hatte die Deutsche Bahn AG bereits vor Jahren verkauft. Die Schorfheidestadt hat ihn - dank der Unterstützung durch Sponsoren - erworben und mit Hilfe von Fördermitteln saniert. Heute ist er u. a. als Hörspielbahnhof bekannt und wird als Standesamt genutzt.