Dies ist eine Leerwohnung. Bitte Füße abtreten!" Mit dieser freundlich-bestimmten Aufforderung an der Wohnungstür im ersten Obergeschoss heißt der Eigentümer Gäste in der Brandenburger Allee 19 willkommen. Ebenda eröffneten die Wohnungsgenossenschaft 1893 Eberswalde und die Agentur Muszynski am Dienstagabend die "Galerie Fenster". Mit einer Ausstellung des Berliner Comiczeichners Mawil unter dem Titel "Kinderland".
Mit der Galerie Fenster wolle man den Eberswaldern "etwas bieten, was im Brandenburgischen Viertel nicht unbedingt erwartet wird", beschrieb Udo Muszynski das Anliegen. "Kultur jenseits des Marktplatzes", das wollen die Genossenschaft, größter Vermieter im Quartier, und er fortan in dem nahezu leerstehenden Block an der Brandenburger Allee bieten. Alle zwei Monate mit einer neuen Präsentation. Kunst und Kultur, "die zum Raum und zu den Menschen hier passt".
Kultur abseits des Marktplatzes
Schwerpunkt seien Grafik und Fotografie. Aber auch Lesungen und Filmvorführungen seien denkbar, so Muszynski. Dafür habe die Genossenschaft extra per Wanddurchbruch zwei Wohnungen zusammengelegt. Und Platz geschaffen. Platz, den bei der Premiere Sven Ahlhelm mit einem kleinen Konzert sowie der eigentliche Hauptakteur Mawil (mit bürgerlichen Namen Markus Witzel) füllen. Der 43-jährige Comiczeichner las und präsentierte Auszüge aus seinem Buch "Kinderland", 2014 erschienen und anlässlich des Mauerfalls vor 30 Jahren gerade auch als Taschenbuchausgabe herausgekommen.
Mawil machte mit Mirco Watzke, seiner Hauptfigur aus der Klasse 7a bekannt, die im Sommer 1989 eine Kindheit zwischen Jungen Pionieren und Junger Gemeinde erlebt. Er erzählte vom Ärger mit den "blöden FDJlern", vom Tischtennisturnier, vom "Rübermachen" ... Geschichten und Episoden, die zum Teil autobiografische Züge tragen. Denn auch Mawil war 1989 13 Jahre alt, besuchte in Ostberlin eine Schule. Und zeichnete bereits. Weshalb er, dies im Gegensatz zu Mirco Watzke, nicht so viel "rausgekommen" sei, wie er bei der Vernissage verriet.Nach dem Abitur hat Witzel Grafikdesign an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee studiert. In der Überzeugung, von Comics allein nicht leben zu können.
2021 rollt der Abrissbagger an
Doch inzwischen kann er. Er sei damit einer der wenigen Comiczeichner in Deutschland, erklärte er am Rande. Dies funktioniere in einer Kombination aus eigenen Büchern (u. a. "Lucky Luke sattelt um"), Workshops sowie der Arbeit für Zeitungen und Zeitschriften, etwa über etliche Jahre für den Tagesspiegel.
Die Ausstellung "Kinderland" sei nach "Guten Morgen" und einem Auftritt beim Filmfest Provinziale sein drittes "Gastspiel" in Eberswalde. Und irgendwie erinnerten ihn die Stadt, der Wald, das Viertel sehr an seine eigene Kindheit und Jugend. Weshalb er sich hier "sehr zuhause fühle". Schade sei allerdings, dass "die Stadt noch so zerstückelt ist".
Die "Galerie Fenster" ist eine Galerie auf Zeit. Spätestens 2021 soll der Block an der Brandenburger Allee, nach zwei bereits im Frühjahr rückgebauten Platten, abgerissen werden, bestätigte Vorstand Volker Klich. Gleichwohl wolle die Genossenschaft die Bewohner im Quartier kulturell überraschen und neue Akzente setzen.
Ausstellung "Kinderland" bis 18. August, geöffnet sonntags 13 bis 17 Uhr und nach Voranmeldung, Tel. 8352053