Als die Havelländerin Marianne Suhr vor einem Jahr ihr Buch „Roter Milan“ in der Edition Ebersbach vorlegte, beschritt sie einen Weg in ihre eigene Vergangenheit. Sie verließ im Alter von 18 Jahren ihr brandenburgisches Heimatdorf, ging nach Westberlin, holte später das Abitur nach, studierte Soziologie, bekam drei Kinder und lebt heute in Berlin.
Die beiden Frauen in ihrem Roman, Janne Koller und Karin Beuth, werden ebenso durch das Leben vor und hinter der Mauer geprägt. Die eine, Karin, geht nach Luxemburg, als sie vom Mauerfall erfährt. Sie hat Angst vor den Veränderungen, die auf sie zukommen. Denn nicht ohne Grund war sie einst aus ihrem Dorf geflohen. Die andere, ihre alte Freundin Janne, lebt in Luxemburg. Karin besucht sie.
Die Autorin lässt sich nicht viel Zeit, um den Spannungsbogen aufzutürmen. Denn Karin fährt gegen eine Mauer. Später im Krankenhaus erhält sie Besuch von Janne. Die Frauen reden über ihr Leben auf dem Dorf, über Karins Mutter, zu der die Geflohene in all den Jahren Kontakt hielt, über Engstirnigkeit und Toleranz, die sie verbinden und trennen. Dann verschwindet Karin spurlos.
Sie hinterlässt ihrer alten Freundin ein Tagebuch. Janne beginnt es zu lesen und erfährt, wie Karin die politischen Erlebnisse reflektiert, wie groß ihre Angst ist, dass mit der Mauer auch ein Schutzraum verschwindet, in dem sie Zuflucht gefunden hatte. Eingewoben sind Kindheitserinnerungen aus den 50er-Jahren, die Besuche im Dorf ihrer Mutter, die Gedanken über dieVergangenheit und Zukunft eines Lebens.
Über allem thront der Rote Milan, die Leitfigur des Romans, der die Grenze nicht überfliegt. Er ergänzt die ungewöhnliche Erzählstruktur, die Marianne Suhr wählt, um für beide Frauen Raum zum Wiedergeben zu schaffen und sie dabei in historische Geschehnisse einzubinden, die von höchst dramatischer Struktur sind.
So hat die gebürtige Havelländerin wohl einen Mauerroman geschrieben, der erklärt, was das Bollwerk mit Menschen gemacht hat. Der beleuchtet, wie sich Leben dies- und jenseits der Mauer entwickeln konnte und welche Opfer Menschen bereit waren, für ihre Freiheit zu bringen.
Wer das Buch und die Autorin näher kennenlernen möchte, der kann zu einer Lesung in Eberswalde kommen, die am ?19. November im Eiscafé Venezia an der Leibnizstraße 1 stattfindet. Marianne Suhr wartet mit klaren Standpunkten auf. Sie ist SPD-Politikerin in einem Berliner Bezirksparlament. So interessieren sie Fragen zu Europa, zum Leben in der Provinz, Kleingeist und Neo-Nationalismus und die Gewohnheiten der Menschen, die hier geblieben sind. Wer sich mit Marianne Suhr auseinander setzen will, ist mit dem Roman „Der Rote Milan“ und einem Besuch der Lesung genau richtig.
Marianne Suhr liest um 17 Uhr in Eberswalde aus „Roter Milan“. Das Buch ist in der edition ebersbach erschienen und kostet 22 Euro. ISBN: 978-3-86915-026-0