"Es dauert eine Weile, bis ein Haus zum Zuhause wird", sagt Helma Wegener. Ihres ist das Reihenhaus in der Eberswalder Straße 62 von Lichterfelde. Es darf sich mit Fug und Recht Zuhause nennen. Der Fleischermeister Albert Lehmann hat es 1928 bauen lassen und mit ihm den 2,50 Meter hohen Kachelofen in der Ecke des Wohnzimmers. "Er war ein wohlhabender Mann und so hat er auch gebaut", sagt die 71-Jährige über den Großvater ihres verstorbenen Mannes.
Sie lebt heute mit ihrem zweiten Lebensgefährten im Haus mit dem Konsum im Untergeschoss. Es bietet ausreichend Platz. Eine ausladende Schiebetür trennt die Stube in zwei Hälften und auch Helma Wegeners Sohn Frank hat eine Wohnung im Gebäude. Ein Foto im Familienalbum zeigt ihn Mitte der 70er-Jahre als kleinen Jungen ehrfürchtig vor dem Weihnachtsmann stehen. Im Hintergrund: der Ofen. Seine schmuckvolle Haube ist auf dem Schwarzweißbild abgeschnitten.
Der wärmende Gefährte der Familie taucht im Album mehrmals auf. "Wenn der erzählen könnte", sagt Helma Wegener. Als sie 1965 einzog, war der Ofen längst da. Viel Schönes habe er gesehen, aber auch Tränen. Die Frau des ersten Hausherren Albert Lehmann sei früh gestorben und habe nicht viel vom neuen Zuhause gehabt. Ihre Tochter, die Schwiegermutter der heutigen Besitzerin, sei damals erst 19 gewesen. Sie hieß Annemarie Lehmann und hat es sich auf einem der Bilder ebenfalls am Ofen gemütlich gemacht. Auffällig sind nicht nur die Kacheln im Hintergrund, sondern auch das Fliedergemälde mit dem ovalen Rahmen. Es hängt noch heute an gleicher Stelle neben dem Ofen.
Helma Wegener ist sehr behutsam mit ihrem Zuhause umgegangen. Sie hat nicht alles verändert. Gemalert wurde im Laufe der Jahre natürlich mal, aber das Bild behielt seinen angestammten Platz. Auch die Holzfenster mit dem Knauf sind noch die alten. Der Treppenflur mit seinem Geländer und den schmuckvollen Türrahmen wurde in die Gegenwart gerettet. Die Öfen haben hingegen nicht alle überdauert. Fünf Kachelöfen zählte das Haus einst. Bis auf den schmuckvollen grauen Riesen in der Wohnzimmerecke wurden sie alle herausgerissen. Es handelte sich um ganz normale Kachelöfen.
Das Anheizen, weiß Helma Wegener nur zu gut, sei natürlich auch mit Arbeit verbunden gewesen. Die gelieferten Kohlen seien früher einfach vor die Tür gekippt worden. Sie mussten von dort in den Lagerraum und schließlich in Eimern zu den Öfen gebracht werden. Wenn morgens alle fünf befeuert wurden, hatte man sein Tun. "Wenn es dann langsam warm wurde im Haus, gab es einem aber das befriedigende Gefühl, etwas geschafft zu haben", denkt die Hausherrin zurück und vergleicht es mit dem Wäschewaschen vor Einzug der Technik. Die Wäsche wurde eingeweicht, Wasser gepumpt und nach den übrigen zeitraubenden Schritten aufgehängt. Dann freute man sich über das Tagewerk. "Man achtet es mehr, wenn man dafür schuftet", sagt Helma Wegener. Auch sie drehe aber meistens eher die Heizung auf, statt den Ofen zu befeuern.
Weihnachten werden sie ihn wahrscheinlich anmachen. Gut möglich, dass im Hause dann auch wieder musiziert wird. Die Hausherrin selbst spielt Akkordeon, zu Füßen des Ofens liegt eine Mandoline und auf den Bildern im Fotoalbum sind einige Personen mit weiteren Instrumenten zu sehen.
Langweilig dürfte es dem grauen Riesen in der Wohnzimmerecke also nicht werden. Fürs "Unterhaltungsprogramm" bedankt er sich mit wohliger Wärme. Eine ganz andere als die, die von der Heizung ausgeht, schwärmt Helma Wegener. Mit seinen Kacheln im Rücken wird vielleicht die Erinnerung an so manches Weihnachten wiederkehren, das im Zuhause in der Eberswalder Straße gefeiert wurde.