Er hat an diesem Dienstagvormittag den Durchblick. Der freundliche Mann mit der grünen Weste und der rechteckigen Brille auf der Nase weiß über die Raffinessen der Verkehrsregeln besser Bescheid als jeder andere im Schulungsraum der Havellandstraße 15. Besser als die zwei städtischen Betreuer, die anonym bleiben möchten, und die acht Flüchtlingskinder aus Afghanistan, Syrien und Tschetschenien.
Die sechs- und siebenjährigen Mädchen und Jungen hören Hans-Peter Krüger von der Kreisverkehrswacht Bernau aufmerksam zu, als er die Bedeutung der wichtigsten Verkehrsregeln für Radfahrer und den Aufbau eines Fahrrads erklärt. Ein Junge aus ihren Reihen, dessen Name ebenfalls nicht genannt werden darf, übersetzt.
Um es für die Kinder anschaulicher zu machen, stellt Verkehrsexperte Krüger ein rot gepunktetes Fahrrad auf den Tisch. Zudem teilt er eine Abbildung aus, auf der die benötigten Komponenten in der jeweiligen Sprache des Kindes genannt werden. "Ganz wichtig ist, dass ihr zwei unabhängig voneinander wirkende Bremsen habt", betont er. Ebenso unverzichtbar sind funktionierende Scheinwerfer, Rückstrahler und eine Klingel zählt er weiter auf.
Dann kommt er auf den Fahrradhelm zu sprechen. "In Deutschland ist es zwar gesetzlich nicht vorgeschrieben", sagt er, "dennoch ist es unbedingt notwendig, dass ihr euren Kopf schützt." Er empfiehlt ein größenverstellbares Exemplar mit Polsterung. Zur Veranschaulichung, wie der Helm sitzen muss, setzt er sich einen auf den Kopf und schiebt ihn zu weit nach vorn, dann nach hinten. "So soll er nicht sitzen und so auch nicht, sondern mit der Unterkante direkt auf der Stirn." Die Kinder müssen lachen: Sieht lustig aus, ein Erwachsener mit Kinderhelm.
Nach einer halben Stunde ist der Theorieunterricht vorbei. Damit die Konzentrationsfähigkeit der Kinder nicht überstrapaziert wird, erklärt Krüger, der regelmäßig solche Schulungen für Geflüchtete anbietet. 15 bis 20 Gruppen aus Eberswalde, Bernau und der Region hätten den Kurs bisher durchlaufen - Kinder und Erwachsene. Bei den Jüngeren gehe er spielerisch vor, bei den Älteren zeige er viele Folien. "Am schwierigsten ist die Verständigung", sagt er. Deshalb sei immer ein Dolmetscher dabei. Und an diesem Tag der sprachbegabte Junge. Zudem laufe vieles über praktische Übungen. Für die Erwachsenen, die schon Fahrradfahren können, geht es in den Verkehrsgarten. Die afghanischen, syrischen und tschetschenischen Kinder üben auf dem gepflasterten Hof, auf dem ein Parcours aufgebaut ist.
Da die Kleinen noch nicht alle Fahrradfahren können, trainieren sie mit Rollern eine schmale Kurve zu fahren, ohne Holzklötze umzuwerfen. Danach geht es im Slalom um Hütchen. Es folgen eine Balanceübung, Bremsen und den Roller über ein Hindernis heben.
Die Verkehrsschulung findet im Rahmen einer einmonatigen "Vorschule" für Flüchtlingskinder statt und wird vom Berufsbildungsverein Eberswalde mit Unterstützung der Stadt durchgeführt, berichtet Karin Beinroth, Heimleiterin eines Wohnverbundes im Brandenburgischen Viertel. Bevor die Kinder Anfang September in die erste Klasse der Grundschule Schwärzesee kommen, erhalten sie täglich zwei Stunden Deutschunterricht, malen, basteln und spielen. In den drei Gruppen können sie erste Freundschaften knüpfen, sagt Beinroth. Denn sie kommen mit ihrer Gruppe in eine Klasse. Insgesamt nehmen 21 Kinder an der Schulvorbereitung teil.