Gerade mal 15 Sekunden trennten Henry Wanyoike vom Sieg über die 6,5-Kilometer-Einzeldistanz beim 13. Eberswalder Stadtlauf. Der 17 Jahre jüngere Philipp Heinz war am Sonntag etwas schneller. Das nächste Mal, zeigte sich der zweitplatzierte Kenianer nach dem Lauf zuversichtlich, werde er gewinnen. Jetzt kenne er schließlich die Strecke. Eine Strecke, die für den blinden Läufer vor allem aufgrund des Kopfsteinpflasters im Zentrum eine Herausforderung war.
Auch wenn es bei seiner Premiere in Eberswalde "nur" zu Silber gereicht hatte, am Tag drauf zeigt der 45-jährige Wanyoike, mehrfacher Goldmedaillengewinner über die Langstrecken bei den Paralympics, stolz seinen Pokal und seine Urkunde im Werner-Forßmann-Krankenhaus.
Hingefallen, aufgerappelt, weiter
Dort besucht der Champion aus Kenia, der die aktuellen Weltrekorde über 5000 Meter und 10 000 Meter sowie im Halb-Marathon für Blinde hält, die Augenklinik und die im Aufbau befindliche Sehschule. Um Patienten Mut und Hoffnung zu machen, Zuversicht zu geben. Mit seinem eigenen Schicksal.
1995 war Wanyoike, der damals als ein überaus hoffnungsvolles Lauftalent in Kenia galt, über Nacht erblindet. Wahrscheinlich die Folge eines Schlaganfalls. Seine Träume, zunächst geplatzt. Depression. Doch der junge Wanyoike gab nicht auf. Was er sich zunächst überhaupt nicht vorstellen konnte, nämlich wieder zu laufen, es klappte. Schritt für Schritt kämpfte er sich ins Leben zurück. "Auch wenn ich anfangs sehr häufig gefallen und gestürzt bin", wie sich Wanyoike erinnert.
Eine Aktie daran hat Orthoptistin Petra Oertel-Verweyen, heute Leiterin der Eberswalder Sehschule, damals in Kenia, an der Augenklinik Kikuyu (etwa 20 Kilometer von der Hauptstadt Nairobi entfernt), tätig. 1996 lernten sich die Zwei kennen. Oertel-Verweyen setzte sich dafür ein, dass Wanyoike in ein Reha-Zentrum der Christoffel-Blindenmission sowie in ein Berufsausbildungszentrum aufgenommen wurde. Vier Jahre später, 2000, gewann Wanyoike in einem spektakulären Rennen, bei dem sein Begleitläufer infolge einer Malaria-Erkrankung schlapp machte, bei den Paralympics in Sydney Gold über 5000 Meter. Weitere Medaillen folgten.
Heute, so weiß Oertel-Verweyen, zähle Wanyoike, trotz der enormen Konkurrenz im Läuferland Kenia, zu den bekanntesten Athleten. Dank auch seines sozialen Engagements. So habe der Sportler beispielsweise in seiner Heimat eine Strickwerkstatt für Sehbehinderte und Blinde eingerichtet, mit der Unterstützung von Arnold Schwarzenegger.
Oertel-Verweyen und Wanyoike verbindet seither eine enge, tiefe Freundschaft. 2018 etwa war Wanyoike schon einmal in Eberswalde. "Da hat er auch Schulen besucht", so die Orthoptistin. Unter anderem im Sportunterricht. "Das macht er ganz wunderbar."
Der blinde Athlet gebe auf diese Weise "ganz viel zurück" von jener Unterstützung, die er einst erfahren habe. Die Stippvisite in der gerade eröffneten Sehschule sei eine Art "Segnung", so die Leiterin. Und Wanyoike bestätigt auf Englisch: "Ich habe damals zwar das Sehen verloren, nicht aber die Perspektive."
Als Botschafter unterwegs
Neue Möglichkeiten hätten sich aufgetan. Alles sei möglich. Wenn man sich nicht unterkriegen lässt, sondern einen Schicksalsschlag "als Herausforderung annehme". Ohne die Erblindung, glaubt der Sportler heute, wäre er nie so erfolgreich geworden. Diesen Mut spricht er etwa einer 45-jährigen Patientin aus dem uckermärkischen Frauenhagen zu, die kurz vor der OP am Grünen Star steht. "Sie sind hier in guten Händen", ist Wanyoike, der sich als Botschafter der Sehbehinderten versteht, überzeugt.
Während er sich (gemeinsam mit seinem Begleiter Paul) zunächst auf den Köln-Marathon Mitte Oktober und mittelfristig auf die Paralympics in Tokio 2020 vorbereitet, will Petra Oertel-Verweyen gemeinsam mit Chefarzt Dr. Burkhard von Jagow die Sehschule an der Augenklinik etablieren. Dabei, so erklärt die Fachfrau, ginge es vor allem um die Diagnostik beim Schielen und die Nachsorge. Für Ende September sei die erste Schieloperation geplant. aber nicht nur Kinder würden von der neuen Einrichtung profitieren, sondern auch Erwachsene.