Die Bankkauffrau, die ihre Ausbildung in der Ostseesparkasse Rostock absolviert hat, war in ihrem Berufsleben in einigen leitenden Positionen tätig. Und hat sich mit Leidenschaft jeder neuen Aufgabe angenommen. Dennoch dürfte die Stelle als Geschäftsführerin des Evangelischen Vereins "Auf dem Drachenkopf" nicht nur einfach eine weitere Station für die Powerfrau sein, deren charmantes Lächeln so gar nichts mit der angeblich typischen norddeutschen Sturheit gemein hat.
Gesine Höhn stand an der Ostseeküste einem Tagungshotel vor, war in der Mercedes-Benz-Bank in Berlin für die Kundenbetreuung verantwortlich und hatte zuletzt in der Brandenburg-Klinik in Wandlitz das zentrale Patientenmanagement für alle sechs Krankenhäuser des Betreiberkonzerns unter sich. Doch so dicht am Menschen wie in Eberswalde war die neue Geschäftsführerin wohl noch nie im Einsatz.
Der Evangelische Verein "Auf dem Drachenkopf", der bereits 1927 gegründet wurde, betreibt das 2004 eingeweihte Hospiz in der Erich-Mühsam-Straße 17, in dem Platz für neun sterbenskranke Gäste ist, die dort liebevoll umsorgt Ruhe finden können. Überdies gehört der ambulante Hospizdienst zum Portfolio des Vereins. Seit 20 Jahren werden Sterbende und deren Angehörige durch Ehrenamtliche begleitet. 85 Helferinnen und Helfer suchen die Rat und Hilfe Bedürftigen zu Hause auf. Im Dezember begeht zudem die spezialisierte ambulante palliative Versorgung, kurz SAPV, ihr fünfjähriges Bestehen. In Barnim und Uckermark wird pro Jahr etwa 300 Patienten durch Ärzte und Pflegekräfte eine selbstbestimmte und schmerzfreie Zeit bis zuletzt ermöglicht. Das vierte Standbein des Vereins ist der Altbau "Auf dem Drachenkopf", in dem nicht nur die palliativen Dienste verwaltet werden. Eine komplette Etage in dem geschichtsträchtigen Gebäude, das vor 1926 eine Naturheilanstalt beherbergte und ab 1928 als Altenheim und Durchgangsheim für arbeitssuchende junge Frauen genutzt wurde, ist an die Hochschule für nachhaltige Entwicklung vermietet, die dort elf Büroarbeitsplätze einrichtet. "Wir haben auch noch zwei, drei Räume für Co-Working-Spaces anzubieten", sagt Gesine Höhn.

Bestmögliches Arbeitsumfeld

Alles in allem 30 hauptamtliche Mitarbeiter kümmern sich für den Evangelischen Verein "Auf dem Drachenkopf" in ihren unterschiedlichen Bereichen ums Gemeinwohl. Die neue Geschäftsführerin sieht es als ihre beiden wichtigsten Aufgaben an, allen Beschäftigten das bestmögliche Arbeitsumfeld zu sichern und den Hospizgedanken bekannter zu machen. "Ich knüpfe Beziehungen", beschreibt Gesine Höhn ihr Tätigkeitsprofil.
Zwar hat sich die Führungskraft auch deshalb um die neue Stelle beworben, weil sich dadurch ihr Weg zur Arbeit verkürzt und sie Lebenszeit gewinnt. Schließlich ist Gesine Höhn mit ihrem Mann, einem gebürtigen Eberswalder, seit drei Jahren in Ackermannshof bei Kruge/Gersdorf zu Hause. Doch bei ihrem Vorstellungsgespräch im von Pfarrer Christoph Brust geleiteten Vorstand hat sie vor allem mit ihrer persönlichen Motivation überzeugt. "Ich war erst sieben Jahre alt, als mein Vater starb", berichtet die Geschäftsführerin. Damals hätte sie dringend Betreuung und Begleitung gebraucht, diese aber nicht erfahren. Das ganze Gegenteil habe sie erlebt, als ihre Patentante das Zeitliche segnete. Die Seniorin, die selbst in der Telefonseelsorge aktiv gewesen sei, habe auf ihrem letzten Weg die Unterstützung durch ein SAPV-Team erhalten, das aus Ärzten und Pflegekräften bestand, deren Einsatz ein Geschenk für die Patientin und für die Angehörigen gewesen sei.
Weitere Einblicke in die Welt der Hospize konnte Gesine Höhn gewinnen, als eine ihrer Freundinnen den Auftrag bekommen hat, eine solche Einrichtung in Rostock künstlerisch zu gestalten.
"In Eberswalde bin ich auf ein gut bestelltes Feld gestoßen und von den Mitarbeitern ungemein herzlich aufgenommen worden", freut sich die neue Geschäftsführerin, die in den kommenden Wochen und Monaten den ambulanten und stationären Hospizdienst wieder stärker ins Bewusstsein der Öffentlichkeit rücken will. Dies sei nicht bloß wegen der Covid-19-Pandemie jüngst nicht mehr allzu gut gelungen.

Förderung vom Landkreis

"Dabei sind wir unverändert auf Spenden angewiesen", hebt Gesine Höhn hervor. 80 000 bis 90 000 Euro müssten allein für das stationäre Hospiz jährlich als Eigenanteil erwirtschaftet werden. "Deswegen sind auch die Hospizcafés zum Erntedank und zum Krippenmarkt unverzichtbar für uns", sagt sie.
Zuletzt war Mitte März im Auftrag des Evangelischen Vereins "Auf dem Drachenkopf" in der Rathauspassage Kuchen und Kaffee verkauft worden – kurz bevor das Coronavirus zuschlug und nichts mehr ging.
Die Neue an der Spitze ist keine Alleinherrscherin. "Deshalb bin ich dem Landkreis Barnim wirklich dankbar, dass wir einen Zuwendungsbescheid über 10 000 Euro erhalten haben, um eine Führungskräfteentwicklung für unser Leitungsteam finanzieren zu können", sagt Gesine Höhn. Gemeinsam lasse sich die Verantwortung leichter tragen.
Norddeutsch stur wirkt die neue Geschäftsführerin höchstens in ihrer Beharrlichkeit, ihren Arbeitgeber gründlich kennenzulernen. "Ich werde mir auf jeden Fall die Zeit nehmen, überall wenigstens einmal mitzulaufen", kündigt die 38-Jährige an.

Bankkauffrau folgt Pfarrern nach


Wohlfahrtspflege für hilfsbedürftige Jugendliche und Alte zu betreiben, war die erste satzungsgemäße Aufgabe des Evangelischen Vereins "Auf dem Drachenkopf", der 1927 gegründet wurde und aktuell mehr als 40 Mitglieder zählt. Als neue Geschäftsführerin folgt Gesine Höhn der Pfarrerin Regine Lünstroth nach, die nur etwa ein Jahr lang in Amt und Würden war. Zuvor hatte Horst Ritter, Pfarrer im Ruhestand, die geschichtsträchtige Einrichtung geführt. Die neue Führungskraft ist evangelisch getauft, verfügt aber anders als ihre Vorgänger als Bankkauffrau nicht über eine seelsorgerische Ausbildung. Sie will als Führungskraft vor allem Kontakte knüpfen.  red