Jeder fragt sich, was sein wird in Groß Schönebeck, wenn die beiden Menschenfischer nicht mehr den Karren ziehen und andere ermutigen mitzuwirken. Und sie, Annette und Stephan Flade, sorgen sich natürlich auch, ob ihre eingebrachte Energie nachwirken wird und nicht mit der Zeit zerbröselt. All diese Fragen schwingen mit, als der Abschiedsgottesdienst in der randvollen Immanuelkirche beginnt. "Singen, den Druck rauslassen, als Überlebensmittel!" erinnert der Pfarrer in seiner letzten Predigt, was ihm in harter Gegenwehr half, unangepasst in der DDR zu leben.
In einer knappen Rückschau erzählt Stephan Flade von ihrem fast 40-jährigen Wirken für den Glauben. Der Pfarrerssohn aus Pirna und die Bäckerstochter aus Wittenberge ergaben diese ungewöhnliche menschliche Legierung, die an einen antiken Urglauben erinnert: Männer und Frauen waren einst ein Kugelwesen, ein All-Eines, wie es kraftvoller nicht sein kann. Flade resümiert in seiner Zustandsbeschreibung aus den beiden Lebensläufen: "Und immer wieder laufen. Christ sein hat etwas mit olympischen Dimensionen zu tun. Dranbleiben, fit sein, Zeugnis ablegen." Er spricht von fairem Verhalten und dem aufrechten Gang durch die Zeiten. Die Erweckung durch den Prager Frühling. Er erzählt von Fluchthilfe und Widerstand und wie sie, als Pfarrer und Pfarrerin, um den Abbau von Standesunterschieden und transparenten Strukturen in Pritzwalk und Babelsberg rangen. Immer in Reibung. Bescheiden resümiert er: "Das wenige, was wir tun konnten, haben wir getan." Während er weiterspricht, von ihrem Einsatz in Indonesien, ihrem erlebten Fremdsein, ergießt sich draußen ein schweres Sommergewitter. Dramatische Unterstützung von oben. Gut, dass der Pfarrer auch ein Bauherr war und die Kirche ein neues, schützendes Dach bekommen hat.
Es folgten die Dankesworte des Biesenthaler Pfarrers Christoph Brust. "Hand in Hand mit Deinem Schöpfer und den Gemeinden - das war Dein Credo." Dann ruft er Stephan Flade zu sich zur Entpflichtung. Die Gemeinde steht und hört: "Du bleibst berufen zu predigen, zu taufen ..., aber du bist nun auch frei von allen Diensten und Pflichten. Ich bitte Dich, nimm dieses Freisein auch an." Nach der Entpflichtung wird auch Annette Flade, die sich offiziell schon einige Zeit im Ruhestand befindet, dazugerufen. Zur Gemeinde spricht Brust: "Achten Sie den Dienst dieser beiden und beten Sie für sie in ihrem neuen Lebensabschnitt!" Sichtbar ergriffen von dem Zeremoniell geht das Paar ab und in dem Gotteshaus ringt fast jeder mit den Tränen. Kein ergriffener Reflex, die versammelten Menschen spüren erstmals den Verlust und den Schmerz der Herzlichkeit. Mit jedem folgenden Grußwort verdichtet sich diese Emotion. In den Abschiedsworten wird das reiche Wirken des Paares für die Region deutlich.
Bürgermeister Uwe Schoknecht hebt die gemeinsame Gründung des Bündnisses Bunte Schorfheide hervor und fasst zusammen: "Sie haben in der Schorfheide die Zivilgesellschaft gestärkt." Die Barnimer Sozialdezernentin Silvia Ulonska überbrachte Grüße von Landrat Bodo Ihrke und stellt die engagierte und höchst kompetente Flüchtlingsarbeit von Annette Flade heraus, aber auch die Schaffung des Solidario-Ladens und die Arbeit für Menschen mit Demenz. Wissend, was für ein enormer Verlust der Wegzug der Flades sein wird, ringt sie um Fassung.
Stellvertretend für die augenblicklich 42 Geflüchteten in Groß Schönebeck bedankten sich die Tschetschenin Zaynab Arsunkaeva und die Syrerin Iman Mohammed in deutscher Sprache bei Annette Flade für die Aufnahme und Betreuung. Für das Groß Schönebecker Willkommensteam verabschiedete ihr Sprecher Rainer E. Klemke: "Es gehen zwei Lotsen von Bord, die uns zu neuen Ufern geführt haben. Die uns Wegweisung gaben, wenn wir an gefährlichen Klippen zu scheitern drohten, die uns Trost gespendet und neue Horizonte eröffnet haben."
Der Pfarrer im Ruhestand: In seiner letzten Predigt fand Stephan Flade Worte, deren Essenz Kraft für den nächsten Schritt geben. Viele Menschen, die ihn als Notfallseelsorger erlebten, sind dem lebensweisen Mann dankbar für seinen hilfreichen Rat und Zuspruch. Zusammen mit seiner Frau Annette zieht er nach Wittenberge. Foto: Lutz Reinhardt
Das Pfarrerspaar Annette und Stephan Flade ist in einem berührenden Gottesdienst verabschiedet worden