Der Mittagstisch ist gerade abgeräumt. Annemarie Plischke (85) und Charlotte Sorgatz (88) sitzen noch einen Moment zusammen, bevor sich jeder für ein Nickerchen oder eine Pause in die eigenen vier Wände, ins eigene Zimmer zurückzieht. Vor einer Woche sei sie hier, in der Senioren-WG an der Rudolf-Vir-chow-Straße 19, eingezogen, erzählt Annemarie Plischke, die zuvor in der Breiten Straße wohnte. Allein sei es nicht mehr gegangen. Sie sei umgekippt, der Pflegedienst habe sie gefunden. Rechtzeitig. Inzwischen fühle sie sich in ihrem neuen Zuhause wohl. „Sehr wohl“, pflichtet ihr Charlotte Sorgatz, die seit 1965 in der Leibnizstraße, also quasi um die Ecke, wohnte, bei. „Wir machen viele Spiele. Und die Schwestern sind wunderbar“, schwärmt die 88-jährige Eberswalderin. „Ich will hier nicht mehr weg“, sagt sie, sichtlich gerührt.

Gemeinschaft gibt es zur Miete gratis dazu

16 Quadratmeter eigenes Reich mit Balkon, dazu Wohnküche, Pflegebad, Aufenthaltsbereich. Das alles für rund 465 Euro warm. Und Gesellschaft gratis. Leistungen des Pflegedienstes Camilla, des Kooperationspartners, können individuell „gebucht“ werden. Von der Hauswirtschaft über Körperpflege bis hin zur Behandlungspflege. Das Unternehmen ist mit einem Team von acht Mitarbeitern ständig vor Ort.

Alternative Wohnformen immer gefragter

Mit der Sanierung seiner letzten Platte im Leibnizviertel im vorigen Jahr hat das städtische Wohnungsunternehmen WHG – gemeinsam mit dem Angermünder Büro Agora – an der Rudolf-Virchow-Straße 17-25 zwei Senioren-Wohngemeinschaften geschaffen. In der obersten, der fünften Etage. Wanddurchbrüche, Grundrissänderungen machten das Angebot für insgesamt 20 Senioren möglich. Aus vormals zehn Drei-Raum-Wohnungen sind zwei großzügige, barrierefreie Wohngruppen entstanden. Die erste WG ging im Februar in Betrieb, die zweite vor wenigen Tagen.
Alle Einzelzimmer seien vermietet, so Doreen Boden von der WHG und Steffen Huhnke von Camilla. Die Nachfrage nach diesen Wohnformen sei groß. „Dies spüren wir auch am Interesse für das Karree Heegermühle in Finow“, fügt die Prokuristin der WHG hinzu. Ähnlich sind die Erfahrungen des Pflegedienstleisters.

Pflegedienst ständig vor Ort

Die Senioren wollen möglichst lange selbstbestimmt leben. Was heute unter dem Begriff „Wohnen mit Service“ zusammengefasst wird, ermögliche dies. Und könne vielleicht das Pflegeheim ersparen. „Zumal dort ja auch alle Plätze belegt sind“, wie Huhnke weiß. Annemarie Plischke und Charlotte Sorgatz jedenfalls sind froh. Ebenso wie Pflegekraft Julia Mende, die mit der Eröffnung der Senioren-WG bei Camilla angefangen hat. „Ich war vorher in der ambulante Pflege tätig, das war nicht meins“, sagt die junge Frau. Hier in der WG ginge es sehr familiär zu. Mit festen Strukturen.

Fehlen nur noch die Außenanlagen

Während sich die Bewohner der Senioren-WG in die Mittagsruhe verabschieden, wird im Hof noch gewerkelt. Geräuschfrei. In den nächsten Wochen sollen die Außenanlagen fertiggestellt werden, so Boden. Gut 6,5 Millionen Euro hat die WHG in den Fünfgeschosser, 1976/77 errichtet, investiert. Unter anderem wurden alle Aufgänge mit Aufzügen ausgestattet. Alle frei finanzierten Wohnungen sind vermietet. Im Segment der mietpreis- und belegungsgebundenen Wohnungen gebe es indes noch vier freie Wohnungen. Der Mietpreis dort liegt bei 4,90 Euro pro Quadratmeter. Für den Bezug ist ein Wohnberechtigungsschein (WBS) Voraussetzung.