Es kommt nicht oft vor, dass ein Kajütboot mit Schornstein auf dem Finowkanal gesehen wird. "G&A" steht oben am Schlot. Die Initialen der Vornamen des Ehepaares Scholz (beide 59), die erst vor ein paar Jahren aus Baden-Württemberg nach Berlin Köpenick gezogen sind: Gertrud und Andreas. Sie steht am Steuer, während er den Job des Maschinisten übernimmt, was nicht unbedingt nach einer gemütlichen Bootstour klingt. "Es ist nicht einfach Schlüssel rum und los", sagt Andreas Scholz. Er muss den Ofen heizen, die Verbrennungstemperatur überprüfen und ob der Kessel genug Wasser hat, die Speisepumpe an der Maschine bedienen.
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Das Boot funktioniert wie eine Dampflok. "Nepomuk" ist es getauft - benannt nach dem feuerspeienden Halbdrachen aus der Augsburger Puppenkiste. Damit der Qualm aus dem Schornstein kommt, braucht es jede Menge Holz, das überall neben dem Kessel lagert. "Wenn man auf dem Boot wohnt, sind Kohlen nicht das Gelbe vom Ei", erklärt Gertrud Scholz. Zu schmutzig und damit auch weniger rücksichtsvoll gegenüber anderen Freizeitkapitänen. Nimmt man gutes Holz, gebe es so gut wie keinen Rauch. 1,2 Kilo verbrennt der Kahn pro Kilometer. "Wir wollen so sauber wie möglich fahren", sagt Andreas Scholz, der als Maschinenbau-Ingenieur in der Hauptstadt arbeitet. Die Technik auf dem Kutter ist von ihm. Seine Spielwiese, wie er es bezeichnet.
Das für zwei Personen ausgelegte Boot ist ein echtes Unikat. Ohnehin gebe es in Deutschland nur etwa 40 betriebsfähige Dampfboote. Die Tendenz sei allerdings steigend. Die Rumpfschale ist die einer sogenannten Schaluppe. Platten und Wände wurden von einer Firma gefertigt.
Viel Platz ist auf dem Kutter nicht. Hinter dem Heiz- und Steuerraum gibt es einen Wohn- und Kochbereich mit Sitzmöglichkeit, Herd, Spüle und Kühlschrank. Dahinter führt eine Tür in eine winzige Nasszelle mit Toilette. Geschlafen wird vorn in einer Kajüte unterm Bug. Nichts für Klaustrophobiker, doch genug Platz für die Freizeitkapitäne. Zwischen Kessel und Wohnbereich befindet sich das Herzstück: die Maschine. Und die hat bereits einige Kilometer hinter sich. "Die habe ich gebraucht gekauft und aufgearbeitet", sagt Andreas Scholz. "Sie ist aus den 50er-Jahren, aus Amerika und dort auf dem Mississippi gefahren."
Zwischen 40000 und 50000 Euro hat der Bau des Kutters gekostet, schätzt sein Eigentümer. Genau hat er das nicht errechnet. Acht Jahre wurde daran gearbeitet. Ohne den Umzug nach Berlin wären es vielleicht sechs gewesen. Wichtig: Das Boot kann mit dem Anhänger transportiert und somit überall eingesetzt werden.
Diesen Aufwand hatte das Paar beim Urlaub auf dem Finowkanal nicht. Beide konnten sie einfach aus Berlin abdampfen. "Wir waren erstmals auf dem Finowkanal und er hat uns begeistert", sagt Andreas Scholz, dem ursprünglich ein Rundkurs vorschwebte. Auf der historischen Wasserstraße, um die die Anrainerkommunen gerade mit dem Bund verhandeln, wollte er mit seiner Frau bis nach Oderberg fahren und auf dem Oder-Havel-Kanal wieder zurückschippern. Doch sei die breite Hauptwasserstraße "so was von langweilig", dass das Paar aus Köpenick sich auch zur Rücktour für den Finowkanal entschied.
Für beide zählen vor allem die menschlichen Momente entlang der Strecke, sagen sie. Der Plausch mit den Schleusenwärtern oder mit anderen Bootstouristen. Hartmut Ginnow-Merkert vom Verein "Unser Finowkanal" zeigte ihnen die Industriekultur entlang des Eberswalder Ufers. Mit dem Klapprad ging es zum Luftfahrtmuseum in Finowfurt und zum Eberswalder Zoo. Die "Marina Eisvogel" wurde ihr liebster Rastplatz.
Von dort aus fahren sie nun mit Stopps in Liebenwalde und Spandau wieder nach Köpenick. Dann ist ihr nunmehr fünfter Urlaub auf dem Wasser zu Ende. Im nächsten Jahr dampfen sie erneut ab. Dann geht es für "Nepomuk" auf vierwöchige Müritz-Tour.
Seltenes Boot Marke Eigenbau schippert über Finowkanal / Kutter fährt mit Holz