"Der 28. August 1941 und seine Folgen wirken bis heute nach, obwohl die Generation, die das Elend der Vertreibung noch selbst erleben musste, langsam ausstirbt", sagt Irena Holzmann, die seit acht Jahren in der Migrationsberatungsstelle des Bundes der Vertriebenen arbeitet und zudem ehrenamtlich den Kontakt-Verein leitet, der sich als zweite Heimat vor allem für in Eberswalde lebende Russlanddeutsche versteht. Die 41-Jährige war 1994 aus Kasachstan in die Barnimer Kreisstadt gekommen. Ihr ist es ein Bedürfnis, den Spätaussiedlern mit Rat und Tat dabei zu helfen, Eberswalde als Zuhause annehmen zu können.
"Die Spätaussiedler, die vor allem aus den ehemaligen Sowjetrepubliken kommen, stehen vor dem nicht einfachen Spagat, sich nach besten Kräften in die aufnehmende Gesellschaft zu integrieren, dabei aber ihre eigenen Wurzeln nicht zu vergessen", betont Irina Holzmann. Ihr Ziel ist es deshalb, die Russlanddeutschen und die angestammten Eberswaldern neugierig aufeinander zu machen. Durchaus auch mit Humor, wie am 21. September ab 20 Uhr im Plenarsaal des Paul-Wunderlich-Hauses zu erleben sein wird. Wo sonst Barnims Kreistagsabgeordnete beraten, wird die aus Sibirien stammende und heute in Niedersachsen lebende Kabarettistin Lilia Tetslau unter dem Titel "Deutsch, aber nicht ganz" ihre Sicht auf die Themen Integration und Migration darlegen.
Für Irena Holzmann steht fest, dass es den typischen Spätaussiedler ebenso wenig wie den typischen Deutschen gibt. Dennoch ist sie davon überzeugt, dass der Erlass vom 28. August 1941 das Denken und die Gefühle der Russlanddeutschen nach wie vor prägt. "Die Angst vieler Zuzügler aus der ehemaligen Sowjetunion, sich zum Beispiel öffentlich zu äußern, rührt daher und wird von Generation zu Generation vererbt", betont sie.
Das von Michail Kalinin, dem Vorsitzenden des Präsidiums im Obersten Sowjet, unterzeichnete Gesetz gab vor, dass die Zwangsumsiedlung der Wolgadeutschen nach Sibirien und Kasachstan zu deren eigenem Schutz erfolgte. So sollten die Tausenden vermeintlichen Spitzel des Kriegsgegners Hitlerdeutschlands unter ihnen an Sabotageakten gehindert und ein "ernstes Blutvergießen" vermieden werden. Den Betroffenen wurde Land zugeteilt und staatliche Hilfe versprochen. "Die Wahrheit sah anders aus: 280 000 Männer und 70 000 Frauen wurden in Lager deportiert und mussten Zwangsarbeiten verrichten", berichtet Irena Holzmann von geschichtlichen Ereignissen, die auch kein in Eberswalde lebender Spätaussiedler jemals vergisst. Nach dem Zweiten Weltkrieg seien die Überlebenden in streng bewachten Sondersiedlungen untergebracht worden, die sie ab Mitte der fünfziger Jahre verlassen durften. "Erst in der Zeit der Perestroika haben sich die Rechte der Russlanddeutschen deutlich verbessert", sagt die Migrationsbeauftragte des Bundes der Vertriebenen und Vereinsvorsitzende.
Die Furcht vor staatlicher Willkür aber sei geblieben, betont Irena Holzmann. Sie freut sich auf den vom Bundesprogramm für Toleranz und Demokratie geförderten Kabarettabend am 21.  September mit Lilia Tetslau, die nicht nur die Spätaussiedler, sondern auch deren neue Nachbarn aufs Korn nehmen werde.
Karten unter Tel. 03334 383070