Im Inneren bestimmt das Gerüst das Bild, von außen sorgen 5500 Quadratmeter Plane dafür, dass kein Luftzug entweicht. Die Borsighalle gegenüber dem Familiengarten ist für die Korrosionsschutzarbeiten vorbereitet, die in der kommenden Woche beginnen und fast zwei Monate dauern sollen. Dass das Denkmal an den 1995 von Christo und Jeanne-Claude verhüllten Reichstag erinnert, ist ein Gebot der Vorsicht. Denn der Rost wird unter Druck sandgestrahlt. Der dabei entstehende Strahlkies ist Sondermüll und darf nicht an die Umwelt gelangen.

2,65 Millionen Euro teuer

„Deswegen wird unter Vollschutz gearbeitet“, berichtet Bert Bessel, der Leiter des Amtes für Tiefbau und Gebäudewirtschaft im Eberswalder Rathaus, der die Sanierung koordiniert, die bereits 2015 begonnen hat und spätestens im Frühjahr kommenden Jahres beendet werden soll. 2,65 Millionen Euro wird die Barnimer Kreisstadt bis dahin dafür ausgegeben haben, die Borsighalle für die Nachwelt zu erhalten. Das Geld stammt je zu einem Drittel von Bund, Land und aus dem eigenen Haushalt.

Besichtigungstipp vom Landrat

Barnims Landrat Daniel Kurth (SPD) hat Brandenburgs Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kultur vorgeschlagen, bei ihrer Kreisrundfahrt unbedingt auch die Borsighalle zu besichtigen. Anja Schüle war zuvor schon im Forstbotanischen Garten unterwegs und muss dringend zu weiteren Terminen im Niederbarnim. Doch ihrem Parteifreund kann sie diese Empfehlung nicht abschlagen und betritt staunend die Baustelle, ohne groß auf ihre roten Absatzschuhe zu achten. „Das war ein toller Tipp“, bedankt sie sich beim Landrat.

Minihäuser für Hotel

Neben Bert Bessel steht auch Eberswaldes Bauamtsleiterin Anne Fellner der Ministerin Rede und Antwort. Zwischen verrosteten Eisenträgern und Gerüststangen und unter Planen entspinnt sich rasch eine Debatte über die zukünftige Nutzung des Denkmals. Im Vorgriff auf die Diskussion, die der Stadtpolitik bevorsteht, wenn die Sanierungsarbeiten abgeschlossen sind, bringt die Baudezernentin eine Markthalle, einen überdachten Spielplatz oder einen Bootslagerplatz ins Spiel.
„Charmant fände ich auch die Idee, in die ansonsten leere Halle eine Reihe von Mini-Häusern zu stellen, die als Büros, Hotel- oder Jugendherbergszimmer dienen könnten“, schlägt Anne Fellner vor.

Brückenschlag nach London

Die Ministerin lässt ebenfalls ihrer Phantasie freien Lauf. Im Wissen darum, dass das vom Industriellen August Borsig entworfene Konstrukt die Urgroßmutter aller Bahnhofshallen ab der Mitte des 18. Jahrhunderts ist, schlägt sie vor, im Denkmal berittene Polizei unterzubringen. „Als Hommage an London, wo es ja eine besonders große dieser Gitterbogenhallen gibt und wo Beamte auf Pferden ein gewohnter Anblick sind“, erläutert Manja Schüle ihren nicht allzu ernst gemeinten Einfall.

Löwen-Babys locken nach Eberswalde

Die Vertreter aus dem Rathaus schaffen es, der Ministerin die Borsighalle als Veranstaltungsort für das nächste Kulturland-Jahr in Brandenburg nahe zu legen. „2021 geht es ja um die Industriekultur“, pflichtet Daniel Kurth der Baudzernentin und dem Amtsleiter bei. Anja Schüle ist angetan.
Die Zeit drängt, der Landrat pocht darauf, die Nachfolgetermine einzuhalten. Die Ministerin verabschiedet sich mit dem Versprechen aus Eberswalde, innerhalb eines Monats wiederzukommen. Privat und mit Familie. „Mein Sohn hat im Internet die Fotos von den Löwen-Babys im Zoo gesehen und will da unbedingt hin“, verrät Manja Schüle. Von Daniel Kurth bekommt sie noch die Donnerstagsausgabe des Eberswalder Lokalteils der Märkischen Oderzeitung geschenkt – mit den gedruckten Bildern von den niedlichen Zwillingen.

Baugeschichte im Schnelldurchlauf


Der Industrielle August Borsig hat den Prototyp für seriell vorgefertigte transportable Gitterbogenhallen 1848 entworfen. Die heute in Eberswalde stehende Konstruktion wurde 1849 auf dem Areal des Borsigschen Puddel- und Walzwerks in Berlin-Moabit errichtet. Im Zuge der Werksverlegung nach Berlin-Tegel wurde die Halle 1899 ab- und Anfang des 20. Jahrhunderts durch die Firma Motz in Eberswalde, Eisenspalterei, teilweise wieder aufgebaut. Zunächst wurde dort Eisenschrott verarbeitet, dann diente die Halle als Kohlelager für das 1947 errichtete Gasgeneratorenhaus. Später war sie als Knüppelhalle in Betrieb. Knüppel wurde das Vormaterial fürs Walzwerk genannt. Seit 1993 steht die Halle leer. Ihr Verfall konnte mit Beginn der Sanierungsarbeiten 2015 gestoppt werden. sk