Fünf Millionen Kubikmeter Müll verhelfen Eberswalde zu einem der schönsten Aussichtspunkte der Stadt. Zusammen mit Bürgermeister Friedhelm Boginski und Christian Mehnert, Geschäftsführer der Barnimer Dienstleistungsgesellschaft (BDG), fahren wir die ehemalige Deponie in Ostende hinauf. Seit 2005 wird dort kein Müll mehr abgeladen. Der Unrat schlummert nun unter einer Spezialfolie und 400 000 Tonnen Sand, Asche, Bauschutt und Mutterboden. Die jahrelangen Sicherungsarbeiten sind fast abgeschlossen. Einige Bagger arbeiten noch. Zum Teil ist der Müllberg von einst bereits bepflanzt. Im Juni wird die Sicherungsmaßnahme, die 20 Millionen Euro verschlingt, abgeschlossen.
Strom aus dem Vorgarten
Wir sind oben angekommen. 78 Meter über Normalnull, wie Mehnert sagt. Und da steht das, was Bürgermeister Friedhelm Boginski als "charmanten i-Punkt" auf der Deponie bezeichnet. Ein Windrad. Allerdings keines, wie man es kennt. Dieses ist nur knapp zehn Meter hoch und könnte auch in kleinen möglichst windigen Vorgärten stehen. "Baugenehmigungsfrei", wie Matthias Finck, Geschäftsführer der IGEA Verkehrstechnik GmbH & Co. KG, erklärt. Er begleitet die "Bergtour". Seine Firma hat das Windrad aufgestellt. Das wohl erste auf einer Deponie brandenburgweit. Ein Pilotprojekt. Strom liefere so ein Windrad etwa für einen Haushalt. Kostenpunkt 20 000 Euro. Besser geeignet sei die Investition für Flächen, die näher am Verbrauchsobjekt liegen, als das BDG-Gebäude in Ostende, wird erklärt. Doch Christian Mehnert verfolgt einen anderen Zweck. Es gehe darum, Akzeptanz zu schaffen, für erneuerbare Energien, für Kleinwindräder auf privaten Grundstücken.
Schafe, Bienen, Kompost
Das Windrad ist nicht das einzige Anschauungsobjekt auf dem Areal. Strom wird auch durch das Gas produziert, das mit dem Fäulnisprozess im Müllberg entsteht. Außerdem gibt es bald drei Solaranlagen auf dem Gelände, insgesamt mit einer Spitzenleistung von 2,1 Megawatt.
Die Deponie, da sind sich Mehnert und Boginski einig, sei keine Schmuddelecke mehr. Da sind das moderne Verwaltungsgebäude, die Praxisbeispiele zur Energiegewinnung. Was auf dem Hügel wächst, wird durch Schafe und Ziegen kurzgehalten. Außerdem hat ein Imker sechs Bienenvölker auf dem Areal. Ob der Deponie-Honig unter dieser Marke zum Verkaufsschlager wird, dürfte noch zu klären sein.
Nun wird der Erlebnishof der BDG in Sachen Nachhaltigkeit noch um eine weitere Attraktion reicher. Sie kommt von  Florian Augustin, Absolvent der Hochschule für nachhaltige Entwicklung. "Scheiße zu Humus" und "Urin zu Dünger" ist das Geschäftsmodell, wie es auf dem Flyer seiner Firma Finizio abgedruckt ist. Es geht um die Verwertung menschlichen Kots. Dafür hat Augustin eine Trockentoilette entwickelt, die das, was vorn und was hinten herauskommt, trennt. Eines seiner Klos steht schon auf dem Eberswalder Waldfriedhof. Wie Boginski erklärt, könnten im Park am Weidendamm weitere hinzukommen.
Auf dem Areal der Deponie steht Florian Augustin bald eine Versuchsfläche zur Verfügung. Nicht für Toiletten, sondern für Kot und dessen Kompostierung. Ein wissenschaftlich begleitetes Projekt, um ein Din-Verfahren für diese Kompostierung zu entwickeln. Geruchsbeeinträchtigungen dürfte es nicht geben. Eine solche werde durch die beigesetzten Stoffe wie Sägespäne, Gesteinsmehl und Pflanzenkohle weitestgehend verhindert.