Laut Kreisverwaltung hatte das Amt seit Mitte 2017 versucht, Hilfe für die Familie zu organisieren. Erst im Zuge einer vom Amtsgericht erwirkten Familienhilfe im November 2019 jedoch hat offenbar eine Mitarbeiterin eine sogenannte Gefahrenmeldung abgegeben. Daraus ging hervor, dass das Kind, das zwischenzeitlich in einer Klinik untergebracht war, Anzeichen von Unterernährung sowie Entwicklungsauffälligkeiten aufwies.
Familienzentren bieten Hilfe
Um Fälle wie diesen zu verhindern, bieten in Eberswalde unter anderem Eltern-Kind-Zentren Beratung und Hilfe an. Jane Hirt, Leiterin des Zentrums in Stadtmitte, wundert sich, dass in dem Fall nicht früher eingegriffen wurde. "Ich finde es erstaunlich, dass das so lange gedeckelt wurde", sagt sie. "Eigentlich haben wir Frühwarnsysteme, die auf solch einen akuten Fall von Vernachlässigung aufmerksam machen sollen." Man sehe jedoch, dass offensichtlich noch zu viele Familien durchs Raster fallen, wenn es um Familienhilfe geht. Angebote zur Hilfe gebe es viele, darauf weist auch ihre Kollegin Tabea Westphal im Brandenburgischen Viertel hin. "Viele Eltern haben allerdings nicht die Idee: Ich brauche Unterstützung. In diesem Moment muss es jemanden geben, dem von außen auffällt: Da ist ein Konflikt, da ist ein Punkt, wo Unterstützung notwendig wäre."
Das sehen auch Kinderärzte so, die betroffenen Familien in Verdachtsfällen empfehlen, sich übers Jugendamt Hilfe zu suchen beziehungsweise bei akuter Gefährdung des Kindeswohls Kinder in die Klinik einweisen. "Solch ein Kind kann aber nicht in regelmäßiger kinderärztlicher Betreuung gewesen sein", sagt Dr. Sabine Klavehn, Kinderärztin im Ruhestand, über den aktuellen Fall. "Was ich traurig finde, ist aber auch, dass oft das Umfeld nicht reagiert."
Bei Menschen, die in ihrer Hilfsbedürftigkeit nicht gesehen werden wollen, haben alle Hilfesysteme nur eine Chance, wenn die Allgemeinheit offene Augen habe, sagt ähnlich wie sie Dr. Dieter Hüseman, Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin im Eberswalder Forßmann-Krankenhaus. "Ich glaube, dass eine verpflichtende Teilnahme an den Vorsorgeuntersuchungen an dieser Stelle sinnvoll wäre", sagt er zudem. "Dass ein Kind über Jahre verloren geht, das sollte wirklich nicht passieren dürfen."
Peter Werbelow, Kinderarzt im Eberswalder MVZ Mitte, bedauert ebenfalls, dass die Untersuchungen keine Pflicht sind. Der Diplom-Mediziner wünscht sich auch eine bessere Zusammenarbeit zwischen allen Beteiligten: Jugendamt, Kindertagesstätten, anderen, die Verantwortung tragen möchten. "Die Bereitschaft dazu ist sehr groß", kann er für viele Kinderärzte sagen.