Im Probenraum in der Eisenbahnstraße 84 riecht es nach frisch gebrühtem Kaffee. Schwarz wie der Gospel. Doch die Hautfarbe ist nicht ausschlaggebend, um die eigentlich afroamerikanischen Kirchensongs singen zu dürfen. Das mussten auch die Amerikaner erst lernen. Und zwar von den Eberswaldern. Seit Jahren halten die Westend-Gospel-Singers eine Partnerschaft mit der Church of Christ im US-Bundesstaat Wisconsin aufrecht. Drei Mal reisten die Waldstädter schon über den Atlantik. Im Sommer erwarten sie den Chor aus den USA zum dritten Mal in Eberswalde. Ein gemeinsamer Auftritt ist am 30.Juni geplant.
Bevor Pfarrer und Chorleiter Hanns-Peter Giering samt Gefolge zum ersten Mal rüber flog, sangen die Freunde aus Wisconsin - überwiegend weiße Gemeindemitglieder - klassische Amerikanische Kirchenlieder. Der Black Gospel mit seinem Gefühl, seinen Bewegungen war den Afroamerikanern vorbehalten. "Sie waren erstaunt, dass Weiße das auch können", sagt Giering vor Probenbeginn. Von diesem Punkt an sang auch Wisconsin Gospel.
Natürlich hatten die Eberswalder bei ihrer Reise auch den Kontakt zu schwarzen Gemeinden gesucht. "Das ist nicht so einfach, weil oft der Eindruck entsteht, wir nehmen ihnen ihre Kultur weg", erklärt der Pfarrer. "Stattdessen wollten wir lernen, wie man das Temperament und die Bewegung in die Musik bringt."
Das sei bei Workshops und Gottesdiensten auch gelungen. Unvergessen für die Chormitglieder: das Zusammentreffen mit dem Vollblutgospelsänger Robert Robinson aus Minnesota oder der 7.30-Uhr-Gottesdienst in der Trinity Church of Chicago mit 2000 Leuten. "Zweieinhalb Stunden Party-Life", erinnert sich Karin Giering. Die Gattin des Pfarrers ist für die Arrangements der Gruppe zuständig und sitzt selbst am E-Piano der Chorband.
Jürgen Peters gehört zu den Ersten, die im Probensaal erscheinen. Er geht zur Bühne und packt seinen Bass aus. Dietmar Lüdke nimmt am Schlagzeug Platz. Nur der Mann für die Percussion, Marwan Hassan, fehlt an diesem Abend, an dem einmal mehr für ein besonderes Konzert geprobt wird: Kathy Kelly hat sich angekündigt. Am 16.April tritt sie zusammen mit dem Chor in der Maria-Magdalenen-Kirche auf. Die Hälfte des Konzerts gestaltet die 53-Jährige allein. "Dann wird es einen Block geben, in dem der Chor singt und drei bis vier Titel, die wir gemeinsam interpretieren", erklärt Pfarrer Giering. Beim Konzert vor vier Jahren an gleicher Stelle stimmte der Gospelchor in den Kelly-Family-Hit "An Angel" ein. Am Tag vor dem Konzert wird ein einziges Mal gemeinsam geprobt. Das muss genügen.
Ob Kathy wohl auch beim "Wawa wiwi wawa" mitmacht? Bevor es ans eigentliche Programm geht, wärmen sich die Gospelsänger mit Lockerungsübungen auf. Silben und Grimassen sollen die Gesichtsmuskeln entspannen. Etwas mehr als 20 Chormitglieder, zum Großteil Frauen, nehmen diesmal an der Probe teil. "He'll be there for you" stimmen sie ihren ersten Song an. "Noch nicht knackig genug", befindet Hanns-Peter Giering. Es dauert eine ganze Weile, bis die Worte mit der gewünschten Betonung über die Lippen der Sänger kommen. "Wir sind kein Leistungs-Chor", hatte der Pfarrer vorher betont. Wer Freude am Singen hat, ist willkommen. Der christliche Glaube sei keine Voraussetzung. Wenn die eine oder andere Textpassage etwas länger geübt werden muss, hilft Kaffee.