Rein äußerlich fällt die ehemalige Tischlerei an der Altenhofer Straße 66b nur durch das Gerüst auf. Obwohl der Kalender längst Winter zeigt, wird das Dach neu gedeckt. Einen Teil der Kosten trägt die untere Denkmalschutzbehörde. Sie hat das Gebäude in Finow schon 2010 unter Schutz gestellt.
Das relativ unscheinbar wirkende Haus hat eine bewegte Geschichte. Sein ursprünglicher Standort war in Frankreich. Dort gehörte es zu einer Waggonfabrik. "Weil der damalige Kaiser und König von Preußen Wilhelm II davon ausging, dass Deutschland den Krieg gegen Frankreich gewinnen würde, ließ er das Stahlgerüst der Halle 1916 als Kriegsbeute nach Finow bringen, hat es vermutlich an den Besitzer des damaligen Messingwerkes verkauft. Nach Kriegsende, so ist weiter anzunehmen, hat die Familie Hirsch den gesamten Preis für die Reparationsleistung an Frankreich zurückzahlen müssen", sagt Marko Blankenburg. Seit mehr als 80 Jahren gehört die Werkstatt samt Grundstück zum Familienbesitz der Blankenburgs. Die außergewöhnliche Geschichte hat das Landesamt für Denkmalschutz inzwischen bestätigt.
Man schrieb das Jahr 1928 als Blankenburgs Großvater Gerhard Blankenburg, von Beruf Tischler, nach und nach die Anteile an der Werkstatt und auch das benachbarte Grundstück kaufte. In unmittelbarer Nachbarschaft der Tischlerei stand 1913 noch eine Ziegelei. Mit den dort gebrannten Steinen wurde das Stahlfachwerk aus Frankreich verfüllt. Seitdem präsentiert sich die 40 Meter lange und 12 Meter breite Kriegsbeute wieder wie aus einem Stück. Auf dem Fundament des Brennofens der einstigen Ziegelei baute Marko Blankenburgs Großvater 1935 sein Wohnhaus. Inzwischen ist dort die dritte Generation zu Hause.
Das Innenleben der Tischlerei ist heute noch eine wahre Schatzkiste.Dort findet sich alles, was zum Traditionshandwerk gebraucht wird: Bandsäge, Kreissäge, Bandschleifer, Abrichte, Dickenhobel, Standfräse, Dornfräse, Maschinen mit Lederriemen und Elektroantrieb. Die meisten Geräte stammen aus den 1930-er Jahren. Zum großen Teil erhalten geblieben sind auch sämtliche Werkzeuge, die für die Produktion von Türen und hochwertigen Möbeln benötigt werden.
Die größten Schätze aber finden sich im ehemaligen Meisterraum. Marco Blankenburg ist dort auf Unterlagen und Pläne aus der Anfangszeit der Tischlerwerkstatt gestoßen. Dazu gehören die Kanzel der Kirche Finow, die 1930 eingeweiht wurde, Unterlagen für die alte Badeanstalt am Mäckersee, Zeichnungen aus dem Jahre 1954 für den Umbau alter Stallanlagen in ein Kulturhaus auf Schloss Hubertusstock, Pläne für Fenster und Türen, bestimmt für die Kapelle des Messingwerker Friedhofes sowie alte Lohnbücher. In Spitzenzeiten gab es immerhin 28 Beschäftigte. Einige Werkbänke mit Werkzeugschrank, an denen gearbeitet wurde, sind heute noch im Original erhalten. Hochwertige Möbel und Türen wurden übrigens nur bis in die 1950er Jahre gebaut. Danach spezialisierte sich der Familienbetrieb, der bis 1994 von Marko Blankenburgs Onkel Gerhard Blankenburg weitergeführt wurde, auf Fenster und Türen. Einer der größten Auftraggeber war die Nationale Volksarmee, die an der Altenhofer Straße mit dem Wehrkreiskommando vertreten war. Mittlerweile betätigt sich nur noch Schwiegervater Karl-Heinz Lauterbach von den Holzwürmern im Mühlenverein am Zainhammer in der alten Tischlerwerkstatt.
Aber nicht mehr lange. Seit gut einem Jahr trägt sich Marko Blankenburg mit der Idee, seinen denkmalgeschützten Schatz aus Frankreich zu einer Schauwerkstatt werden zu lassen. Beim Tag des offenen Denkmals im vergangenen Jahr hat er das erste Mal seine Türen geöffnet. Gut 80 Interessenten ließen sich durch den Maschinenraum, das Herzstück der Tischlerei führen. Nachfragen gibt es inzwischen auch von einem Berliner Oberstufenzentrum, das mit Holzbau zu tun hat. Die Lehrer sind von der technischen Ausstattung so begeistert, dass schon jetzt ein Besuch mit Schülern geplant ist. "Vielleicht kann ich dann schon ein bisschen mehr zeigen", sagt Marko Blankenburg, der jetzt dabei ist, die vielen wertvollen Unterlagen in der Meisterwerkstatt zu sichten. Von Beruf ist der 35-Jährige eigentlich Bauingenieur. Seit seiner Rückkehr aus Afghanistan vor zwei Jahren verdient er sich seine Brötchen aber als Sachbearbeiter Bevölkerungsschutz bei der Kreisverwaltung. Inzwischen hat auch er seine Liebe zu Holz entdeckt. "Das liegt uns offensichtlich im Blut. Es gibt etliche Blankenburgs, die eine Tischlerei betreiben", sagt er. Stolz ist er auch auf seine eigene Familiengeschichte, die bis ins Jahr 1640 zurückreicht. Erstmals erwähnt wird sie in Lichterfelde, wie den Aufzeichnungen des Eberswalder Ortschronisten Rudolf Schmidt zu entnehmen ist.
Beim Tag des offenen Denkmals am zweiten Sonntag im September wird Marko Blankenburg mit seinem beeindruckenden Stahlfachwerkhaus wieder mit dabei sein. "Holz" soll das zentrale Thema sein, wie geschaffen für eine historische Tischlerwerkstatt.
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