Die Idee zum Buch hatte Gert Schramm schon vor mehr als drei Jahren. „Irgendwann ist niemand mehr da, der über die Nazi-Zeit und den Neubeginn nach Kriegsende etwas erzählen kann“, sagt der 82-Jährige bescheiden. „Der zweite Grund für mein Buch. Ich wollte etwas tun gegen den wiederauflebenden Nazismus. Ich möchte vor allem die Jugend warnen, solchen Ideologien auf den Leim zu gehen“, fügt er hinzu. 2008 hatte er deshalb angefangen, aufzuschreiben, wie sein Leben bisher verlaufen war. Mehr als 1000 handschriftliche Blätter waren schließlich zusammengekommen. Aus dem umfangreichen Material entstand ein Manuskript, das Gert Schramm seinem Buchenwaldkameraden Götz Dieckmann und dessen Frau zum Lesen gab. Beide befanden die Geschichte für gut. So kam es, dass Gert Schramm seine Biografie an mehrere Verlage verschickte. Vier meldeten sich zurück, darunter der Aufbau-Verlag, der den Eberswalder Autor bereits zur Buchmesse in Leipzig eingeladen hat. Dort wird der 82-Jährige sein Erstlingswerk am 17. März persönlich vorstellen. Die Eberswalder können das Buch schon am 11. März in der Brasserie am Stein kennenlernen. Dort liest Gert Schramm auf Einladung von Buchhändlerin Brigitte Puppe-Mahler.
Zu erzählen hat der 82-Jährige jede Menge. Als Kind eines schwarzen Amerikaners und einer Deutschen hat sich ihm das dunkelste Kapitel deutscher Geschichte nachhaltig eingeprägt. Über seinen Vater weiß er nur, dass er Jack Brankson hieß und aus Kalifornien stammte. Er war Ingenieur für Stahlhochbau und 1927 als Vertragsarbeiter einer amerikanischen Firma nach Erfurt gekommen, die den Auftrag hatte, eine Eisenbahnbrücke zu bauen. Schramms Mutter arbeitete zu dieser Zeit als gelernte Schneiderin im Geschäft ihres Vaters. „Dort sind sich meine Eltern begegnet. Es muss wohl Liebe auf den ersten Blick gewesen sein“, sagt Gert Schramm. Im November 1928 erblickte er das Licht der Welt. An seine Kindheit hat er nur gute Erinnerung. „Ich war der ganze Stolz meiner Familie“, sagt er.
Die Weltwirtschaftskrise zwang seine Mutter eine Anstellung als Schneiderin in Langensalza anzunehmen. Dort beendete Gert Schramm auch seine Schulzeit. Seinen Berufswunsch konnte sich nicht erfüllen. Autoschlosser wollte er werden, aber das Rassengesetz der Nazis verbot nichtarischen Kindern eine Lehre mit ordentlichem Abschluss. Ein Bekannter seines Großvaters nahm den Jungen als „Handlanger“ in seiner Autoreparaturwerkstatt auf und brachte ihm so alles, was zum Handwerk gehört, bei.
Am 6. Mai 1943 veränderte sich für Gert Schramm schlagartig das Leben. Zwei Beamte der Politischen Polizei holten ihn von der Werkstatt ab. Ohne jegliche Begründung wurde der damals 14-Jährige in Gewahrsam gesteckt. Im Juni holte ihn die Gestapo ab. Wie oft er in der Folterhölle verprügelt wurde, kann Gert Schramm nicht mehr genau sagen. Anfang Oktober wurde er ins KZ Buchenwald gebracht. „Dort blieb ich bis zum Schluss des Krieges. Mein Vater wurde 1943 ebenfalls verhaftet. Seine Spur hat sich auf dem Weg nach Auschwitz verloren. Meine Mutter musste unter Aufsicht der Gestapo in den Junkers-Werken arbeiten“, erinnert sich Gert Schramm. Das Konzentrationslager überlebte er nur aufgrund der Courage seiner Mithäftlinge.
Als das Lager Buchenwald im April 1945 befreit wurde, half er 17-jährig beim geordneten Rücktransport der 21 000 überlebenden Gefangenen aus allen Herrenländern. Danach kehrte er nach Langensalza zurück. „Ich wollte erst einmal gar nichts tun. Mich einfach nur erholen. Ich wog damals ganze 62 Kilogramm“, erzählt er. Doch nur vier Monate später hielt ein amerikanischer Jeep vor der Tür. In Langensalza befand sich zu jener Zeit ein großer Verpflegungsstützpunkt. Gert Schramm wurde beauftragt, sämtliche Ein- und Ausgänge zu kontrollieren und zu dokumentieren. „Als die Russen kamen, war damit Schluss. Ich bewarb mich bei der Wismut AG und wurde Bergarbeiter.“ Zwei Jahre arbeitet er auch in Frankreich, kehrt dann aber nach Langensalza zurück. In der Zeit lernt er auch seine Edith kennen. 1954 wurde geheiratet. Ein Jahre später kam Sohn Bernd zur Welt. Michael, Petra und Heidemarie machen in den folgenden Jahren die Familie komplett. Gert Schramm lebt mit seiner Familie inzwischen in Essen. „Meine Schwiegermutter ist schuld, dass wir 1964 die Koffer packten, um nach Thüringen überzusiedeln.“ Seine Familie landete zunächst im Aufnahmelager Fürstenwalde. Dort kam die Einweisung nach Eberswalde. Arbeit fand Gert Schramm zunächst als Autoschlosser bei einem Energieversorger. Von dort wechselte er zum Kraftverkehr. Nach dem er seinen Kfz-Meisterbrief in der Tasche hatte, wurde ihm die technische Leitung übertragen. Später wurde er als Verkehrsmeister mit allen Belangen des Fern-, Schwerlast- und Containerverkehrs betraut. „1984 habe ich mich mit meinem Taxi-Unternehmen selbstständig gemacht.“ Bereut hat er diesen Schritt nie. Sohn Bernd ist längst in Vaters Fußstapfen getreten und leitet sein eigenes Taxi- und Kleinbusunternehmen.
Das dunkelste Kapitel deutscher Geschichte hat Gert Schramm nie losgelassen. Noch heute gehört er zum Internationalen Buchenwaldkomitee. Vier- bis fünfmal im Jahr kommt der Häftlingsbeirat zusammen. „Es fällt mir nicht gerade leicht, über mein Leben im KZ zu reden. Im Grunde muss man sich jedes Mal aufs Neue darauf einstellen. Ob man will oder nicht, man fühlt sich unweigerlich in die Situation zurückversetzt, sieht sich wieder auf der Lagerstraße entlanglaufen, auf dem Appellplatz stehen oder in seinem Block sitzen. Mag sein, dass es Menschen gibt, die irgendwann eine innere Distanz dazu aufbauen können, aber zu denen gehöre ich nicht“, so Gert Schramm. Um so schmerzlicher sind die Anfeindungen, denen er sich nach der Wende aufgrund seiner Hautfarbe ausgesetzt sieht. „Ich hoffe darauf, dass junge Menschen, ganz gleich, woher sie kommen, in ihrem tiefsten Innern begreifen, was für ein Wert es ist, nichts und niemand ausgeliefert sein“, setzt der 82-Jährige solchen Erscheinungen bei seinen zahlreichen Begegnungen mit jungen Leuten entgegen.